Was wird möglich, wenn wir uns wirklich einlassen?
Meine Antwort als Co-Leiter des Be.Come Kurses führt von Online-Weggemeinschaften in Pflegeheime – mit einer wesentlichen Erkenntnis beim Puzzlespielen. Von Michael Marchetti.
Morgens im Pflegeheim
Beim Aufstehen rechne ich mit nichts Besonderem: Anfang Dezember, draußen Nebel. Mein erster Besuch an diesem Tag ist Erik, knapp über 60, seit Jahren im Pflegeheim. Man hat ihm eine „Intelligenzminderung“ diagnostiziert. Er sitzt im Rollstuhl, und nach der Begrüßung und einem gemeinsamen Kaffee legen wir sein Lieblingspuzzle: Ravensburger, Alter 6+, 100 Teile, zwei Feuerwehrautos vor einem brennenden Haus.
Es ist gerade viel los in meinem Leben, und ich merke, wie ich unruhig werde, wenn ich sehe, dass Erik ein nicht passendes Teil in die Hand nimmt und versucht, es anzustückeln, wo es nicht hingehört. Er nicht. Er lächelt und probiert. Freut sich und macht einen Scherz.
Magic Moments in den Weggemeinschaften
Von Otto Scharmer bis zu den indischen Gurus, alle predigen das “im Moment sein” – ohne Agenda, ohne Plan.
Im vergangenen Frühjahr übe ich es in Weggemeinschaften bei Be.come – und das war der Ausgangspunkt für meine Reise, die mich schließlich zu Erik geführt hat.
“Weggemeinschaften” sind Kleingruppen mit bis zu 10 Menschen, die sich gegenseitig auf ihrem Weg begleiten und unterstützen. Es geht um tief zuhören – und sich zeigen. Auch mit dem Unangenehmen. Mit unseren Träumen und Ängsten.
Wir üben radikale Ehrlichkeit und radikale Freundlichkeit. Reden über das, was uns bewegt. Heute. Jetzt. Ohne Programm. Das hat Kraft, weil es echt ist.
Und manchmal, plötzlich, ungeahnt und unplanbar passieren Magic Moments. Dann wird etwas über die Bildschirme hinweg spürbar, die sprechende Person emporgehoben aus dem Alltag. Von einer Kraft, die etwas mit Verbindung zu tun hat, mit Ehrlichkeit und Gegenwärtigkeit. Es geschieht jenseits der Worte. Wir alle spüren es, halten den Atem an.
Eine Teilnehmerin unserer Gruppe erzählt mit Tränen in den Augen von einer überstandenen, lebensbedrohlichen Krankheit und wie das die eigene Perspektive auf ihr Leben für immer verändert hat. Sie will sich einbringen, nicht mehr funktionieren. Auch mal was riskieren. Ein anderer teilt, dass ihn sein Job längst nicht mehr erfüllt. Jemand dritter erzählt vom Burnout nach Jahrzehnten in sozialen Berufen.
Zwischen Hochglanz und Wirklichkeit
Nach dem Kurs merke ich, wie mich die Kraft ehrlicher Begegnungen in Bann hält. Ich suche nach einer sinnvollen Tätigkeit über den Sommer und beginne, für einen Verein ältere Menschen zu besuchen. Zu Hause oder in Heimen. Manche sind klar bei Verstand, aber körperlich eingeschränkt, andere dement oder autistisch.
Bald wird klar: das hatte ich mir anders vorgestellt!
Ein bisschen mehr wie im Hochglanz Movie: Mit dem Rollstuhl ab in den Sonnenuntergang, weiches Licht, sauberes T-Shirt, dankbares Lächeln.
Die Realität ist anders: Sie riecht nach Urin aus Kathetern, sie bedeutet rudernde Arme von Schlaganfallpatienten, die kaum verständlich artikulieren. Speichel rinnt aus dem Mund meines Gegenübers, ich verstehe kein Wort, reiche ein Taschentuch. Manche reden, aber die Worte passen nicht zusammen und ergeben keinen Sinn. Andere wiederholen immer dieselbe Frage. Eine Stunde Besuchszeit gleicht dann mehr einem Urteil: Lebenslang. So fühlte es sich an.
Beim Betreten einiger Zimmer möchte ich am liebsten am Stand umdrehen. Ich bleibe. Ich lerne. Über Geduld und meine Grenzen. Nicht das Handy aus der Tasche zu ziehen, weil man damit unauffällig in einer anderen Realität verschwinden kann. Manchmal sitze ich nur still da, am Rand eines Bettes. Gebe es auf, fünf verschiedene Programmpunkte anzubieten, weil das die meisten sowieso überfordert.
Also einfach da sein. Wach. Bereit. Entspannt. Was in Weggemeinschaften bei Be.Come als Übung beginnt, wird hier existenziell: Nicht das eigene Programm durchziehen, sondern erst mal wahrnehmen. Das verändert alles.
20.000 Signale in einer Minute
Astrid Steinmetz, Expertin aus Berlin für nonverbale Kommunikation, bezeichnet es als „Einfädeln“ in die Welt des anderen. Nicht den Vorhang morgens demonstrativ gutgelaunt zur Seite zu reißen: „Na, wunderbarer Tag heute, Herr Schmidt!“ Sondern sich dem Gegenüber zuzuwenden und zu sehen, was der Mensch gerade braucht.
Gut 20.000 nonverbale Signale senden zwei Personen einander in einem einminütigen Gespräch, erzählt Frau Steinmetz. Viele sind subtil. Ein Nein etwa kann auch durch ein Abwenden der Augen ausgedrückt werden. Warum gehen wir trotzdem manchmal über alle Signale drüber?
Von Ich-Es zu Ich-Du
Martin Buber schrieb vor 100 Jahren davon, was es heißt, sich wahrhaftig zu begegnen, und bis heute zeigt sich in der Praxis, wie recht er hat.
Er unterscheidet zwei Arten von Beziehung:
Ich-Es: Ich behandle den anderen wie ein Objekt – ich habe ein Ziel, will etwas erreichen, steuere die Situation. Der andere wird zum Mittel für meine Zwecke.
Ich-Du: Ich begegne dem anderen auf Augenhöhe – als gleichberechtigtem Partner, ohne Plan, ohne zu wissen, was kommt. In so einer Begegnung ist alles möglich. Und nichts vorhersehbar.
Das wird mein Leitsatz bei den Besuchen. Aber auch danach, wenn ich aus einem Heim wieder ins Freie trete.
Dem eigenen Herzen folgen
Nach dutzenden Klient:innen und genauem Hinhören ist klar: Solange jemand lebt, gibt es auch Sehnsüchte.
In mir entsteht die Idee, Menschen ihre Wünsche zu erfüllen. Mit Norbert, einem Autisten, der auch an Epilepsie leidet, besuche ich eine Therme und schiebe ihn dabei stundenlang mit seiner Schwimmweste durchs Becken. Er entspannt sich so, dass er am Rücken liegend im Wasser kurz einnickt.
Für Karl, der es seit Monaten nicht aus dem Pflegeheim geschafft hat, wird es ein spontaner Ausflug im Rollstuhl, bei dem wir beim McDonald´s ums Eck gemeinsam einen Cheeseburger mit Pommes bestellen.
Markus, der mit Trisomie 21 lebt, wünscht sich einmal im Leben eine Harley Davidson starten zu dürfen – und genau das machen wir!
Das Projekt Herzenswunsch ist geboren. (www.herzenswunsch.jetzt) Je mehr Freude ich anderen bereiten kann, desto mehr strahle ich. Wer gibt hier, wer empfängt?
Der Moment, in dem sich alles dreht
Zurück im Pflegeheim bei Erik. Draußen der Nebel, drinnen Berieselung von einer Dauerwerbesendung im Fernseher an der Wand. Ich schaue auf das Puzzle mit dem Feuerwehrauto, dann in Eriks Gesicht.
Plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher. Es ist, als ob eine Tür aufgeht und sich mit einem Mal alles zu drehen beginnt: Ich begreife. Nicht mit dem Kopf, sondern auf einer viel tieferen Ebene: Dass ich es bin, der hier gerade etwas bekommt, und nicht gibt. Der lernen darf, von einem Menschen, dem ich mich gerade noch überlegen gefühlt habe. Entschleunigung. Entspannung. Humor. Freude und Leichtigkeit. So wie sie sich gerade im Gesicht von Erik widerspiegeln.
Es ist ein schönes Gesicht. Ein Du, das den Weg zu meinem Ich gefunden hat. Und seither einfach dortbleibt.
Wie erlebst du Echtes Zuhören?
Teile deine Erfahrungen und Gedanken gern in den Kommentaren.
*Die Namen der betreffenden Personen wurden geändert.
Der Wiener Michael Marchetti hat schon viele Rollen erfolgreich gelebt: er ist studierter Historiker, war mit seinen beiden Töchtern in Vaterkarenz, arbeitete als Journalist, Autor, Unternehmer, Tauchlehrer und bis zur Pandemie auch 15 Jahre lang als Kapitän von Privatjets.
Michael ist Co-Leiter des Be.Come Kurses bei Pioneers of Change und hat das Projekt Herzenswunsch ins Leben gerufen.
Diese Fähigkeit, wirklich zuzuhören und mich einzulassen, hat mein Leben verändert. Nicht nur bei Erik, Karl oder Norbert. Sondern überall: in Beziehungen, in Konflikten, in Momenten der Unsicherheit.
Im Be.Come Kurs üben wir gemeinsam, was hier in diesen Begegnungen sichtbar wurde: Echtes Zuhören öffnet Türen. Es lässt Verbundenheit wachsen. Es verwandelt.
Be.Come Onlinekurs
Vom Grübeln zum Handeln
Bei Be.Come machst du dich auf eine sehr persönliche Reise zu deinem Wesenskern und lernst, diesem in deinem Leben Raum zu geben. Start: 20. Jänner 2026
Ein Tipp für tiefes Zuhören bei Weihnachtsfesten
Weihnachten bringt uns oft an Tische, an denen vieles gleichzeitig mitschwingt: Menschen, die wir lange nicht gesehen haben. Menschen, deren Meinungen wir nicht teilen. Dinge, die unausgesprochen bleiben und trotzdem im Raum hängen.
Wenn Spannungen entstehen, rutschen wir leicht in Argumente oder Rechtfertigungen. Gerade dann kann es wohltuend sein, einen kleinen Schritt zurückzugehen und zuerst den Menschen hinter den Worten wahrzunehmen.
Zwei Fragen, die Verbindung schaffen: Wenn etwas im Gespräch „stechen” oder „widerstehen” beginnt, probiere:
- „Wie geht es dir eigentlich mit diesem Thema?”
- „Was löst das in dir aus, wenn du darüber sprichst?”
Mehr braucht es oft nicht. Manchmal verändert sich allein durch diese kurze Zuwendung etwas an der Atmosphäre – ein bisschen mehr Weite, ein bisschen weniger Kämpfen.
12 Gedanken zu „Die verwandelnde Kraft von tiefem Zuhören“
Oh ja! Den Menschen im Anderen aufsuchen eröffnet einzigartige Welten, weil jeder Mensch einzigartig ist. Der “Handshake of Souls” fühlt sich an, als küssten sich zwei Universen. Die Ganzheit gewinnt unauslöschlich Bedeutung und Existenzkraft. Es ist eine Art von Freiheit, die mensch immer wieder anstrebt, wenn einmal Witterung aufgenommen wurde.
Auch ich besuche ältere Menschen in einem Seniorenwohnheim. Mir schlägt viel Einsamkeit entgegen!
Eine 94-jährige Dame, im Rollstuhl sitzend, die schlecht hört, wünscht sich neue Hörgeräte, damit sie wieder besser am Leben teilnehmen kann. Doch dafür muss vorher ein Hörtest gemacht werden, d.h. sie muss zum Hörgeräte-Akustiker. Da sie selbst kinderlos ist, machen wir zusammen einen Termin und gehen zusammen zum Hörgeräte-Akustiker.
Die Mitarbeiterin dort ist sehr freundlich und nimmt sich Zeit.
Da ich selbt, postoperativ ein Hörgerät trage, erfahre ich, so ganz nebenbei, noch Neues über meine Hörgeräteversorgung!
Beide, reich beschenkt, gehen diese Dame und ich wieder auseinander.
Bei meinem nächsten Besuch zeigt mir die ältere Dame stolz ihre neuen Hörgeräte!!!!
Guten Morgen, Michael Marchetti, da haben Sie einen klugen und einfühlsamen Beitrag geschrieben, der mich berührt und nachdenklich gemacht hat. Ich wünsche mir seit langem derartige Erfahrungen von Verbindung machen sowie andere Menschen dazu einladen zu können. Tatsächlich aber gelingt mir ersteres (das selbst erfahren) nur in der Natur, mit Pflanzen, Tieren, Steinen, Pilzen, Wasser, Holz. Ich habe den Eindruck, ich müsste erst lernen mir selbst gut zuzuhören und eine Verbindung zu mir aufzubauen. Musik, Kunst und Literatur bringen das zuwege. Menschen ganz selten einmal. Aber es wird besser, es lässt sich üben. So wie du es vermutlich geübt uns immer wieder, immer öfter erlebt hast, nehme ich an. Irgendwann ist für mich der richtige Zeitpunkt gekommen…. Danke für deinen Blog Beitrag!
Ja, danke für den Blog-Beitrag. Ich bin seit einigen Jahren Ehrenamtlicher in einem mobilen Hospiz. In Österreich braucht man dazu eine Ausbildung und ein Praktikum. Oft wird gesprochen, wie man die wahrlich großen Probleme der Klienten beim Verlassen hinter sich lassen kann – ja, sicher ist es wichtig, die Probleme nicht zu seinen eigenen zu machen – ja das hilft niemandem. Ich hatte nie dieses Problem – ich bin einfach glücklich in diesem Austausch von tiefer Aufmerksamkeit und seichtem Spass. Und ich lerne vieles, wie zum Beispiel das aufmerksame still sein…. mit ab und zu einem scheuen Blick des Klienten, ob ich noch da bin – so eine Wertschätzung gibt es “draußen” nicht. Oder mein Aha wenn “Sturm der Liebe” mit hoher Lautstärke am Fernseher läuft und zwischen uns nichts gesprochen wird. Die Sendung ist für ihn ein “anerkannter” Grund weinen zu dürfen. Welche Tragik, welches Glück…
Ja, man(n)/frau lernt Leben im Hospiz.
Und noch 2 Buchempfehlungen: “Sterben für Anfänger” von Susanne Conrad und “Hospiz – Lehr- und Lernort des Lebens” von Verena Bergmann
….willkommen in “meiner Welt” / meinem Alltag……. soooo reich an Geschenken bzw.”magic moments of connection”….gelebtes “Presencing” mit allem , was grad eben da ist….pures erleben und erfahren, was von meinen Konzepten übrig bleibt…..im Dialog, der manchmal wortlos bleibt und achtsam erspürt werden will….
Danke, lieber Michael, fürs Thematisieren und für Dein offenes Teilen aus Deinem “Erfahrungsschatz” – ich fühle jedes Wort, das Du schreibst….
…..Danke, liebes “Pioneers of Change”-Team, für Eure tollen Ausbildunggsangebote, die mir Wege für eine wohltuende Miteinander- Kultur aufzeigen…..wovon ich im Mitlernen/lesen und Ausprobieren schon sehr profitieren konnte …..bitte macht weiter….
Habt eine guten JahresAbschluss und eine regenerative WinterRuhe !!!
Danke für Euer beherztes Engagement !!!
Von Herzen (und heuer auch ziemlich erschöpft von meinem persönlichen “Wandelmarathon”)
Dagmar
Cool Mann. Chapeau!
Zum einen wie und was du schreibst und zum anderen auch dahin Machen.
Ich schreibe dir von der anderen Seite. Seit über 40 Jahren auf Assistenz angewiesen. Die andere Seite, die es nicht gibt – nur eine Kategorie in unserem Kopf. Und ja, natürlich haben wir alle Menschen die gleichen Sehnsüchte solange wir hier auf der Erde sind. Das Schönste ist doch, uns gegenseitig darin zu unterstützen, unseren Wesenskern und unsere Talente zu leben und auszudrücken. Das Licht leuchtet in jedem von uns. Und Herzen sind verbunden.
Ich grüße dich Michael! Mach weiter. Das ist so wertvoll.
Ulrich
Wunderbar, vielen Dank Ulrich! 💫
WOW, das hat mich tief berührt …
ich will es nachWIRken lassen und schauen, ob mir dadurch besser möglich wird, was ich mir schon lange von mir wünsche:
mehr LAUSCHEN und “einfach” bei mir bleiben, spüren …
wahr-nehmen, was es mit mir macht, mich berühren lassen und (wenn überhaupt) von dort her sprechen …
… wie Rumi sagt: aus diesem “Ort jenseits von richtig und falsch”, wo wir uns WIRklich begegnen.
Danke für den Artikel – nochmehr DANKE für diese, deine ART des WIRkens und damit auch zum Heilen …
Lieber Herr Moretti,
das klingt wirklich wunderbar, wenn man sich auf andere Menschen und Gedanke einlassen kann!
Eine Kleinigkeit hat mich in ihrem Artikel gestört. Sie erzählen von Markus, der unter Trisomie 21 „leidet“. Ich kenne Markus nicht, bin mir aber sehr sicher, daß er nicht „leidet“, für ihn ist die angeborene Behinderung völlig normal. Nur für seine Umgebung nicht.
Ich bin selber Mama eines behinderten Kindes, was mich so vieles gelehrt hat im Laufe der Jahre. Anstrengende aber absolut bereichernde Jahre. Nicht die Menschen mit Behinderung sind das Problem, sondern die Gesellschaft um sie herum.
Herzliche Grüße
Andrea
Danke liebe Andrea für diesen Hinweis, Sie haben absolut recht. Ich glaube auch nicht, dass Markus darunter leidet und Ihren Impuls nehme ich gerne mit!
Hallo Andrea, lieber Michael,
vielen Dank für den wichtigen Hinweis!
Ich habe die Stelle im Text geändert.
Alles Liebe!
Moritz aus dem Kommunikations-Kreis
Danke lieber Moritz und danke an dieser Stelle euch allen für die offenen, klugen und motivierenden Wortmeldungen in den Kommentaren! 🙏🏻