Erst die Wurst, dann die Ideologie

Über eine AfD-Strategie, Zugehörigkeit und das Knirschen in Gruppen - der Pioneers of Change-Newsletter vom 13. September 2026.

Politik entsteht in dem Zwischen, das zwischen den Menschen ist, und baut sich in den Beziehungen auf.

Dämmerschoppen. Dieses Wort habe ich gerade neu gelernt – weil ich verstehen wollte, was bei der Wahl in Sachsen-Anhalt letzten Sonntag eigentlich gelaufen ist.

Das Wort steht in einem Strategiepapier der AfD zur „ländlichen Raumnahme“. Stufe eins heißt wörtlich „Dämmerschoppen rocken“: Wurst- und Weinstände, ausdrücklich keine langen Reden. Überzeugt wird dort erst einmal niemand. Es geht darum, dass Leute zusammenkommen, wiederkommen – und irgendwann schließlich selbst einladen.

Stufe zwei: leerstehende Gasthäuser übernehmen, tagsüber Bürgerbüro, abends Treffpunkt. Erst auf Stufe drei folgen politische Themen.

Wow.

Die AfD beruft sich dabei auf eine Studie aus Frankreich: Wo Dorfgasthäuser zusperren, legt die extreme Rechte zu. Der Grund: Solche Orte sind mehr als Essen und Trinken – sie sind soziale Infrastruktur. Wo sie fehlen, schwindet der alltägliche Zusammenhalt. Dass solche Treffpunkte immer seltener werden, erlebe ich seit Jahren auch bei mir in Ostösterreich.

Auch wenn der Dämmerschoppen nicht die gesamten Wahlergebnisse erklärt, finde ich bemerkenswert, wie strategisch hier eine Lücke im sozialen Gefüge gefüllt wird. Das dahinterliegende Prinzip ist: Zuerst kommt die Beziehung, dann das Thema. Erst Verbundenheit, dann politische Inhalte.

Bei allem, was ich an den politischen Zielen dahinter höchst bedenklich finde, ist eines doch ein Weckruf: Es zeigt, wie stark die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Begegnung und Verbundenheit ist – und wie wichtig es ist, dass wir Räume schaffen, in denen diese Bedürfnisse Platz haben.

Mir geht es dabei um eine grundlegend andere Kultur als die der AfD: Nicht eine Verbundenheit, die aus Feindbildern lebt – aus der Wut auf „die da oben“ oder der Schuld „der Ausländer“ –, sondern aus der Sorge für das, was uns alle verbindet und trägt.

Dafür brauchen wir Räume, in denen wir uns wirklich begegnen können: in denen wir sagen dürfen, wie es uns geht, unterschiedliche Sichtweisen aushalten und auch dann im Gespräch bleiben, wenn wir nicht einer Meinung sind. Nicht, weil alles gleich gültig wäre, sondern weil Demokratie davon lebt, dass wir trotz unserer Unterschiede in Beziehung bleiben.

Gerade im Hinblick auf kommende Wahlen finde ich: Wir brauchen viel mehr Menschen, die solche Räume gestalten und halten können.

Das schreibt sich leicht – ist in der Praxis aber gar nicht so ohne. In der eigenen Blase ist es halt herrlich bequem, woanders knirscht es oft schnell.

Meine Kollegin Anna Baumgart ist in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und engagiert sich seit Jahren für lebendige Begegnungsorte. Gemeinsam mit Pia Rox beschreibt sie in unserem neuen Blog-Artikel, was die beiden über die „Kunst des Gastgebens“ gelernt haben:

👉 Wenn es in der Gruppe knirscht

Eine zentrale Erkenntnis daraus: Reibung ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft.

Ich glaube, wir können alle direkt vor der eigenen Haustür anfangen: beim Stammtisch im Dorfverein, an der Kaffeemaschine in der Arbeit oder am Küchentisch mit den Verwandten.

Denn vielleicht beginnt demokratische Kultur genau da: Wo wir üben, miteinander in Kontakt zu bleiben – selbst wenn es mal knirscht.

Herzlich, Martin – für das Team von Pioneers of Change

P.S. Wer Hosting lernen will: Ab 9. Oktober leiten Anna und Pia wieder unseren bewährten Online-Kurs Hosting für Kulturwandel.

Highlight
Hosting für Kulturwandel Blog zu Wenn es in der Gruppe knirscht, Schuhe und Beine im Kreis, in schwarz-weiß, Foto: Tima Miroshnichenko

Blog: Wenn es in der Gruppe knirscht

Kennst du Treffen, die dich einfach nur Energie kosten? Lerne drei Ansätze kennen, mit denen es dir gelingen kann, in zähen Meetings Räume zu schaffen, aus denen alle gestärkt hervor gehen.

Tipps

Info-Call: Frauen* führen für das Leben

An diesem Abend erfährst du, wie Women Re.Member dich dabei stärkt, deine ganz eigene Führungskraft zu entfalten, um in turbulenten Zeiten lebensdienlich zu wirken.

Infocall am 16. September, 19:30 Uhr

Inspiration für eine neue Führungskultur

Wie leitet man ein Unternehmen durch Krisen, ohne die eigenen Werte zu opfern? Antje von Dewitz (VAUDE) spricht über regeneratives Wirtschaften & echte Augenhöhe in der Praxis. Ein Mutmach-Beispiel für das, was wir bei Women Re.Member gemeinsam vertiefen.

Info-Call: Kulturwandel in Organisationen bringen?

Bei diesem Infoabend bekommst du Einblicke in Haltung, Methoden & Inhalte der Weiterbildung Hosting für Kulturwandel. Finde heraus, ob sie zu dir und deinem aktuellen Weg passt.

Infocall am 29. September, 19:00 Uhr

Wie gelingt gesellschaftlicher Zusammenhalt?

Was hilft, wenn die Gräben tief sind?

Ein Highlight beim Sommer.Campus war unser Gespräch mit Wolfgang Sechser, Mitgründer der Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof. Seine Erfahrung aus 16 Jahren Gemeinschaft: Erst begegnen wir uns als Menschen – dann können wir über die Unterschiede sprechen.

Ohnmacht überwinden, handlungsfähig bleiben

Passend zum Thema bietet unsere Kollegin Anna Baumgart am 25./26. September eine Online-Workshop-Reihe an – mit einem Spezialworkshop zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt.

Lehrgang: Zusammen das Wettrüsten stoppen

Der Aktivist:innen-Lehrgang von attac Österreich vermittelt Wissen, stärkt gemeinsames Handeln und ermutigt zu konkreten Projekten für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Anmeldung bis 15. September.

Die Zukunft ist Frieden

Aus Verlust entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft: Der Palästinenser Aziz Abu Sarah und der Israeli Maoz Inon erzählen von ihrem Weg zu Frieden & Versöhnung. Ein Buch für alle, die in einer zerrütteten Welt nach Wegen zum Miteinander suchen.

Demokratie Tipps

Events
» Wiener Demokratie-Tag (15.09., AT): Mitmach-Stationen & Beteiligungsfest
» Democracy Day (15.09., CH): Aktionen zum Tag der Demokratie.
» Mitmacht-Festival (23.-26.09., DACH): Workshops & Vernetzung, Berlin & online
» Österreichische Demokratiewoche (19.-26.10., AT): Bündnis-Aktionen vor Ort.
» Alles ist Beziehung (1.– 4.10., DE) Symposium über Demokratie, Dialogfähigkeit und den Umgang mit Unterschiedlichkeit
» Pioneers of Change INSPIRathon (13. & 14. 11., online): „Wir müssen reden.“

Praxis-Toolkits & Kurse
» Good Rebels (DE): Sieben-Linden-Onlinekurs für gelebte Partizipation.
» Demokratie-Fitness (DACH): Übungskarten für Debattenkultur.
» From Streets to Seats (AT): Leitfaden für Lokalpolitik-Engagement.
» Stiftung Mitarbeit (DE): Methodensammlungen für Partizipation.
» Love Politics (DACH): Ausbildungsprogramm für politische Quereinsteiger:innen

Netzwerke & Initiativen
» Mehr Demokratie eV (DE) / Mehr Demokratie AT / Campus für Demokratie (CH) / Initiative für mehr Demokratie (Südtirol): Bürgerrechte & Mitbestimmung.
» Sprechen & Zuhören (DE) / Sprechen & Zuhören AT: Dialog-Initiativen zu polarisierenden Themen
» Faktor D (DACH): Plattform & Übersicht hunderter Demokratie-Projekte.
» Demokratie21 (AT): Plattform für gesellschaftliche Innovation.
» Zusammen für Demokratie (DE): Bündnis für Demokratie & Menschenrechte

Good News!

  • Passau: Aus Zigarettenstummel werden Sonnen- und Lesebrillen gefertigt » Artikel

  • Niederösterreich: Biodiesel aus Altöl und Speisefett » Artikel

  • Deutschland: Neue App soll Zugfahrt günstiger und zuverlässiger machen » Audio

  • Nigeria: Ehem. Wilderer schützen erfolgreich den Regenwald » Artikel (englisch)

Studien zeigen: Negative Nachrichten bleiben uns 10 mal stäker im Gedächtnis als positive. Unsere Good News tragen bei zu Balance.

Aktuelle Gelegenheiten

» Info-Call zum Onlinetraining Women Re.Member (16. September)

» Women Re.Member (Kursstart 24. September)

» Body.Wise (24.-27. September)

» Infoabend Hosting für Kulturwandel (29. September)

» Hosting für Kulturwandel (Kursstart 9. Oktober)

» RISE Selbstermächtigungs-Training (2.-9. November)

» Walk Your Way (12.-15. November)

» INSPIRAthon „Wir müssen reden!“ (13.-14. November)

» Geld.Macht.Wandel (20.-22. November)

Veränderung geschieht durch Zuhören – und dann durch einen Dialog mit den Menschen, die etwas tun, das du für falsch hältst.

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Hemma & Martin | Pioneers of Change

Hemma & Martin

1 Gedanke zu „Erst die Wurst, dann die Ideologie“

  1. Hallo Martin
    Der Spagat zwischen Selbsterkenntnis Leben, nach inneren Werten und Normen den Kompass ausrichtend und dem realen Alltag ist schon ein enormer Akt.
    Wenn man bemüht ist sich nicht mit schizophrenen Handlungs und Haltungsweisen zufrieden zugeben( bin für E- Autos, deren Materialien anderswo die Umwelt massiv beeinträchtigen. Finde alternativen Energien gut , bin aber nicht bereit meinen Stromverbrauch zu reduzieren, …..um nur einige Muster von etlichen tausenden zu benennen)

    Clara Tempel hat dazu ein sehr lesenswertes Buch geschrieben “Politische Geborgenheit” Genau das ist was zerbröselt und die AFD sich zu eigen macht.
    Da wir verlernt haben mit einander zu Leben und Gemeinschaft zu praktizieren und dies durch unsere Stimmabgabe anderen anvertraut haben, stehen wir an einem gesellschaftlichen Punkt von grundlegender Art.
    In der Tiefe sehe ich bei den meisten nicht die Bereitschaft, die Willensfähigkeit, Aufrichtigkeit, Demut und Herzenskraft in Wort und Tat.

  2. Wir brauchen Räume, in denen wir uns wirklich begegnen können: in denen wir sagen dürfen, wie es uns geht, unterschiedliche Sichtweisen aushalten und auch dann im Gespräch bleiben, wenn wir nicht einer Meinung sind. Nicht, weil alles gleich gültig wäre, sondern weil Demokratie davon lebt, dass wir trotz unserer Unterschiede in Beziehung bleiben.

    Gerade im Hinblick auf kommende Wahlen. Mehr dazu im Newsletter:

    👉 https://pioneersofchange.org/erst-die-wurst-dann-die-ideologie

    #Demokratie #Gesellschaft #Politik #Nachhaltigkeit

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