Ist es ein Egotrip in unserer satten Konsumgesellschaft, sich um das „eigene Potenzial“ zu kümmern? Den eigenen Träumen nachzugehen? Ist die Frage nach dem Sinn ein „First-World-Problem“ von Menschen, die sonst keine Probleme haben?

Vor einiger Zeit habe ich im Newsletter nach Rückmeldungen dazu gefragt. Zu den zahlreichen Antworten habe ich mir zusätzlich Gedanken gemacht und daraus entstanden ist dieser Beitrag.

Warum mich diese Frage beschäftigt…

Seit 2010 begleiten wir Menschen im LERNgang, herauszufinden, was wirklich IHRES ist und wie sie ihr Potenzial Schritt für Schritt freilegen können.

Und das ist wunderbar.

Wunderbar, denn das bringt mehr Lebendigkeit ins Leben – auch nach dem schönen Spruch von Howard Thurman:

Frage nicht, was die Welt braucht.
Frage dich selbst, was dich lebendig macht,
und gehe und tue das.
Denn was die Welt braucht, das sind Leute,
die lebendig geworden sind.

Das ist ein wunderbares Plädoyer für Potenzialentfaltung.

Und gleichzeitig birgt es einen Widerspruch: dass wir uns politisch, sozial, ökologisch für einen Wandel in der Welt engagieren. Und dass wir andererseits das tun, wonach sich unser Herz sehnt, was uns wirklich gut tut.

Was hat Potenzialentfaltung mit „Weltverbesserung“ zu tun?

Gerhard Frank hat mir dazu geschrieben: Persönliche Entfaltung und ein kleiner ökologischer Fußabdruck sind zwei verschiedene Angelegenheiten. Sie sind nicht unbedingt miteinander kausal verbunden.

Da mag Gerhard schon recht haben, denn …

Im einen Extrem kann ich als Ökofundi in den großen Kampf ziehen und dabei selbst sehr unglücklich sein oder ausbrennen, weil ich mein wahres Wesen dabei übergehe, mehr im Kopf zu Hause bin als in meinem Herzen.

Oder im anderen Extrem kann ich als „digitaler Nomade“ zwischen Bali und den Bahamas herumjetten und meine persönliche Entfaltung in einem „siebenstelligen Herzensbusiness“ vermarkten. Dann gehe ich zwar mit großer Lebendigkeit meinem persönlichen Traum nach. Doch gleichzeitig bin ich dadurch Teil von globalisierten Ausbeutungsstrukturen, von denen ich bequem profitiere und die ich mit meinem Lebensstil noch verstärke.

Nichts gegen Träume, aber …

Du merkst es vielleicht schon beim Lesen:

Ich persönlich habe eine kleine Aversion gegen diese materialistische und selbstbezogene „Lebe deinen Traum“-Haltung.

Ja, zunehmende Lebendigkeit ist ein hilfreicher Kompass am Entwicklungsweg. Aber mir geht es um eine Lebendigkeit, die auch mit dem Schmerz der Welt verbunden ist und Werte von Ökologie und Gerechtigkeit kongruent in die Praxis umsetzt.

Und da kommen wir schon zum nächsten Problem:

Denn wenn ich um den Schmerz der Welt weiß und mit diesem verbunden bin, inwieweit kann ich es mir dann überhaupt guten Gewissens in meiner kleinen Welt wohlig einrichten?

Egoismus und Altruismus

Christina meint:

Genau dieses Spannungsfeld ist gerade mein Thema, dieser scheinbare Widerspruch zwischen „ich darf tun, was für mich gut ist“ und „gesellschaftlicher Verantwortung“.

…Ums eigene Potenzial kümmern und den Träumen folgen – für mich selbst schaffe ich das oft schwer. Da hängen wohl noch alte Glaubenssätze im Gebälk, die mir ins Ohr raunen „Egoistin…darfst du gar nicht…um dich geht‘s nicht, du bist nicht wichtig…und nicht genug“.

Ich kann Christinas Worte gut nachvollziehen.

Sie schrieb mir dazu noch zwei wichtige Zitate, einer vom Dalai Lama:

„Der Weltfrieden beginnt im eigenen Herzen“

und einen von ihrer Therapeutin:

„Du kannst nur aus einer gefüllten Schale geben. Wenn du leer (ausgebrannt) bist, kannst du auch aus nichts schöpfen, um es zu verteilen“.

Cyrill beschreibt diesen Aspekt auch:

Für mich ist es absolut essentiell in Verbindung mit dem eigenen Wesen zu kommen und sein wahres Potential zu entdecken und zu entfalten.  Ohne diese Verbindung nach Innen entsteht ein Engagement im „Helfersyndrom-Modus“ und das führt wiederum zu Ausbeutung – der eigenen Ressourcen und jene der anderen (…)

Zu guter Letzt hat der gute Peter König (Summit-Speaker)  das in seinem Email auf den Punkt gebracht:

Es ist klar, ein gesunder Egoismus ist die Basis für einen gesunden Altruismus – und natürlich auch umgekehrt. Altruismus ohne Egoismus ist paradoxerweise sehr egoistisch, aber nicht auf eine gesunde Weise!

Sowohl als auch…

Für uns bei Pioneers of Change geht es also um die Synthese, um „was macht dich wirklich freudvoll und lebendig“ und „was macht wirklich Sinn in unserer Welt“. Und diesen Platz, diese Aufgabe für sich gefunden zu haben (der „Sweet Spot“ im Ikigai) ist vielleicht das wahre Glück im Leben.

Und dabei muss es nicht immer um „große Weltveränderungsprojekte“ gehen, Eva meint dazu

Ich glaube, dass wir gemeint sind, wir selbst zu sein. Und dann, wenn wir ganz wir selbst sind, sind wir wirklich kraftvoll und können ganz viel bewegen, für die Menschen, die mit uns leben und in der Welt. Das hat eine MEGA-Hebelwirkung, wie so eine stille Revolution. Weil wir einfach Vorbild sind.

„Aus dem Herzen leben“

In diesem Sinne geht es also um innere Befreiung. Dass wir Ängste und Hindernisse überschreiten, unsere innere Verbindung stärken, der Stimme unseres Herzens „gehorchen“ und so immer mehr in unser Potenzial hineinleben.

Was mich dazu beschäftigt ist die Aussage der GFK-Lehrerin Miki Kashtan, ihr geht es nicht um innere Heilung, sondern um innere Befreiung. D.h. es geht nicht darum, uns zuerst nur um unsere persönliche Entwicklung / Heilung zu kümmern und erst wenn das „erledigt“ ist, dann können wir uns für gesellschaftliche Themen engagieren. Innen und außen sind immer und jederzeit miteinander verwoben.

Und wenn wir mit unserem Herzen verbunden sind, dann löst sich das Spannungsfeld „Egoismus und Altruismus“ sowieso auf. Elisha schreibt, dass

es darum geht sich zu öffnen und durchlässig zu machen, damit mein Potential durch mich wirken kann, zum Wohle aller. in dem Sinne, dass ich hingelangen möge dort wo ich am besten wirken kann und sich eben am besten meine Potentiale entfalten können. Also eine radikale Hingabe an das Potential, das dann gar nicht mehr so „mein Potential“ ist, sondern vielleicht eher das Potential des Kosmos, welches durch mich wirkt.

Jetzt bin ich aber neugierig, was du dazu denkst!

Bitte hinterlass mir unten ein Kommentar!

„Wenn das Innere bereit ist, kann das Äußere folgen. Es geschieht dann wie von selbst.”
J.W. Goethe

Martin Kirchner ist Mitgründer der Pioneers of Change in Österreich

2018-12-10T14:41:53+00:00

16 Comments

  1. Martin Kirchner
    Stefanie 15. November 2018 at 7:18 - Reply

    Ich glaube es ist klar, dass die drängendsten Probleme unserer Zeit die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und die Folgen der Globalisierung sind. Und deswegen glaube ich, dass es am Wichtigsten ist, dass dafür ein wachsendes wirkliches Bewusstsein und Verantwortungsbewusstsein und Handeln entsteht.
    Potentialentfaltung „sollte“ (ich verwende es ungern…;-)…..) vor diesem Hintergrund geschehen und diesem höheren Ziel in irgendeiner Form dienen und nicht entgegenstehen. Die Form kann dabei total variieren und für jeden etwas anderes sein. Der eine schreibt vielleicht bewusstseinsschaffende Artikel in der Zeitung, der andere vernetzt regionale Anbieter und der Dritte wirkt als Lehrer und bewusster Mensch prägend auf Kinder und ihre Wahrnehmung der Welt.
    Aber wenn die Sehnusucht im Herzen von Gott kommt, dann dient sie diesem Ziel automatisch…

  2. Martin Kirchner
    Alexandra 17. Oktober 2018 at 18:37 - Reply

    Lieber Martin,

    keine Ahnung, ob ich diese Frage schon mal beantwortet hatte … egal … dann wärs halt jetzt das zweite Mal 😀

    Tatsächlich gibt es immer noch viele Menschen, die den Wunsch, seine Potentiale zu entdecken und seine Talente und Freude zu leben, als Egoismus bezeichnen oder anderweitig negativ besetzen.
    Auch bei mir hat es eine Zeit lang gedauert, bis ich es verstanden hatte:
    Menschen, die in der Freude leben, weil sie tun, was sie lieben – und das im besten Fall noch Sinn für die Welt und Mitmenschen macht – strahlen das auch aus. Solche Menschen wirken also allein durch ihre Freude energetisch positiv auf ihr Umfeld. Die einzigen, die sich in Gegenwart solcher Menschen nicht wohl fühlen, sind die Neider und haben einfach noch innere Themen in dieser Hinsicht zu bereinigen. Ansonsten, so geht es mir zumindest, fühlen sich die meisten Menschen in Gegenwart solcher positiven „Freigeister“ sehr wohl und – nicht zu unterschätzen – sehr motiviert!

    Zum anderen hat man wesentlich mehr Lebensfreude und -kraft, wenn man glücklich ist, seine Freude lebt …
    Das bedeutet, dass man auch erst dann die Kraft hat, wirklich etwas zu bewegen, anderen zu helfen usw.
    Menschen, die ein Leben führen, was sie glauben führen zu müssen, weil es ein „Pflichtprogramm“ ist, verbrauchen sehr viel Energie und haben dadurch über kurz oder lang eine „leere Batterie“ (Burnout, Krankheiten etc.). Wie wollen sie dann noch jemandem helfen oder sonstiges Gutes bewirken?

    Fazit:
    Jeder Mensch, der seinem DaSein einen Sinn gibt, indem er teilt und weitergibt, was ja eh schon in ihm veranlagt ist (Talente, Gaben), lebt glücklich, strahlt diese Freude aus, wirkt somit positiv auf sein Umfeld und hat auch entsprechend viel Lebenskraft, um vieles zu bewirken 🙂 Wenn man es nun sehr spirituell betrachten will, setzt ein solcher Mensch seine positiven Informationen gleichzeitig auch noch ins Morphofeld, wo es tatsächlich auf die ganze Menschheit wirken kann – das aber hier nur am Rande….

    Jemanden davon abhalten zu wollen, auf sich zu achten und seine Freude zu leben, DAS ist der eigentliche Egoismus, denn dann spricht lediglich das Ego, das sich klein und verpflichtet fühlt und deshalb dem anderen die Chance auf Lebensfreude neidet.

    Also – fröhlich voran bei der Potentialentfaltung !!! 🙂

    Herzlichen Gruß, Alexandra

  3. Martin Kirchner
    Heinrich Blezinger MSc. 2. Oktober 2018 at 0:44 - Reply

    Freunde,Besinnung beginnt in uns. Wirkung in der jeweiligen sozialen und dinglichen Welt kann aber muss nicht davon ausgehen. ch bin 79 Jahre alt unddabeit täglich meiner Umgebung durch Gestaltung Veränderung sicherzustellen. Wohin? Woher? Jede Minute ist neu

  4. Martin Kirchner
    Helga Florea 29. September 2018 at 8:05 - Reply

    Danke, danke, danke

  5. Martin Kirchner
    Jürgen R. 28. September 2018 at 21:10 - Reply

    Joseph Beuys, in seiner Aussage:jeder Mensch sei ein Künstler, meint ja nicht ein „Bildender Künstler,“ sondern, dass jeder seinen Platz findet, an und aus dem er/sie das Beste für sich und seine Mitwelt schafft.
    Wenn man dem Gedanken folgt, dass ein Mensch nicht in die Lage kommt, sich und seiner Um-und Mitwelt zu schaden, wenn er in sich eine Sinnerfülltheit erlangt – das wäre sicher ein Gedanke von Gerald Hüther oder Franz Ruppert – dann hätten wir umfassenden Frieden. Man könnte das Anders-Sein der Anderen fraglos akzeptieren, bräuchte nicht mehr projezieren und auch keine Konkurrenz im narzistisch, kapitalistischen Sinne. …wäre da nur nicht die strukturelle Gewalt, die sich durch die Jahrhunderte zieht und uns mit mehr oder minder heftigen Traumas versorgt, die den Teufelskreis befeuern…..

  6. Martin Kirchner
    Dakma 28. September 2018 at 12:00 - Reply

    Lieber Martin….. und alle ,die hier schon kommentiert haben

    ich danke dir/euch für deine/eure Worte….. die alle helfen tiefer und tiefer an die Essenz der Wahrheit unseres MenschSeins zu gelangen. Auch ,wenn ich selbst immer wieder durch Versuch und Irrtum und Heilungsprozesse gehe….

    so allmählich deutet sich an ,was ich vorher nur theoretisch spirituell nachgeplappert habe: Die scheinbaren Gegensätze wolle sich ineinander integrieren ,wollen „spüren“,
    daß sie in Wahrheit „eins sind“ , daß sich in der Tiefe des „einen“ Aspektes der „andere“ Aspekt wiederfindet. Ich hatte mich sehr tief ins Helfer-Syndrom verloren….. um
    letztendlich meiner eigenen Bedürftigkeit und der Abwehr meiner tiefen Ängste zu begegnen.

    Und immer feiner und feiner werde ich geführt dieses manipulierte und manipulative Miteinander an mir selbst zu erkennen. Bei jedem noch so kleinen Versuch „etwas im außen zu retten“ ,der nicht aus meiner eigenen Fülle und dem Jetzt-Moment heraus „von höherer Hand geplant“ erscheint…… wird ausgehebelt und eigene Bedürftigkeiten rufen mich zu mir und meinem wahren Selbst zurück.

    Wenn ich mich darüber hinwegsetze…. werde ich auf dem Weg zu dem scheinbar „zu Rettenden“ selbst „rettungsbedürftig“. Alles dreht sich um 180° in nur einem kleinen Moment….. und die Wahrheit setzt sich durch…..

    Und dennoch….. bleibt im Kern natürlich….. und soll auch….. unsere große Freude „füreinander da zu sein“….. aber dies kann nicht mehr durch mein Helfer-ego geplant werden…. es entsteht in Momenten ,wo ich selbst „bei mir bin“ und „etwas“ sprudelt aus mir heraus….

    WIE VON SELBST

    und ich beginne zu begreifen ,wo der Unterschied liegt……

    wie die göttliche Quelle erst mir die Schale füllt….. und ich sie dann überlaufen lassen darf…… von innen nach außen….

    liebe Grüße
    Dakma

  7. Martin Kirchner
    Pierre 28. September 2018 at 11:27 - Reply

    hallo Martin
    du hast einen sehr wichtigen Punkt angesprochen, der immer wieder aufkommt. Ich bin überzeugt, dass der Wandel, den wir alle so sehr wünschen, nur aus dem Handeln aus dem Herzen kommen kann, nicht über den Beweis, es besser zu wissen oder besser zu machen, die Welt retten zu wollen durch Bevormundung anderer usw. Aus meiner Sicht ist es immer eine Frage, aus welcher Haltung ich etwas mache. Charles Eisenstein nennt das die „alte Geschichte“ vs. die „neue Geschichte“: zur alten gehört der Egotrip, zur neuen das Handeln aus dem Herzen. In seinem Buch “ Die schönere Welt, die unser Herz kennt ist möglich“ schreibt er dazu im Kapitel 22 „Kampf“ u.a. folgendes:

    … und das Wahrnehmungsorgan ist die Sehnsucht, der Kick der Aufregung, oder das Gefühl von Flow, von Richtigkeit, von Übereinstimmung. Es ist das Gefühl lebendig zu sein. Auf dieses Gefühl zu hören und darauf zu vertrauen, ist wahrhaftig eine tiefgreifende Revolution. Wie wäre die Welt, wenn wir alle darauf hörten?
    […]
    Diese Form von tiefem Selbstvertrauen macht jene weit verbreitete Gewohnheit der Separation deutlich, die ihr Gegenteil ist: die Gewohnheit zu kämpfen.
    […]
    Wenn das, was wir wollen, destruktiv für uns selbst und andere wäre, dann wäre es tatsächlich fürchterlich, die Menschen zu ermutigen einfach zu tun, was sie wollen.
    […]
    Das ist die alte Geschichte. In der neuen Geschichte sind wir nicht mehr im Krieg gegen die Natur und streben nicht mehr danach, das Selbst zu unterwerfen. Wir entdecken, das das Verlangen so zerstörerisch war, weil wir uns täuschten. Die Dinge, die wir zu wollen glauben, sind oft ein Ersatz für das, was wir wirklich wollen, und die Genüsse, die wir suchen, sind geringer als die eigentliche Freude, von der sie uns ablenken.
    […]
    In der neuen Geschichte suchen wir nach dem ungestillten Bedürfnis, das das Verlangen antreibt. Das ist ein machtvolles transformatives Werkzeug, nicht nur für die persönliche Entwicklung, sondern auch, wie ich erklären werde, für den sozialen Wandel.

    Herzlich
    Pierre

    • Martin Kirchner
      Martin Kirchner 1. Oktober 2018 at 11:00 - Reply

      Lieber Pierre, ich danke dir. Du ermunterst mich, das Buch von Charles noch einmal zu lesen 😉

      • Martin Kirchner
        Pierre 3. Oktober 2018 at 11:01 - Reply

        schön!!! ich habe es schon mindestens drei mal gelesen und es ist inzwischen voller Markierungen … und es war für mich oft eine echte Hilfe, wenn ich wieder einmal irgendwo an eine eigene Grenze stosse.

  8. Martin Kirchner
    Gerhard Peham 28. September 2018 at 8:52 - Reply

    Hallo Martin, Danke für deine Ausführungen. Hier meine Sicht der Dinge! Letztendlich bestimmt unsere Haltung unsere Ernte. „Die Tat ist der zur Blüte gebrachte Gedanke, Freud uns Leid seine Früchte!“ – James Allen.

    Warum willst du die Welt verbessern? Was treibt dich an? Angst oder Liebe? Ganz gleich was ich mache, ob ich nun mein Selbst suche, meinem Ego Ausdruck verleihe oder mich völlig selbstlos für die Menschen und die Welt einsetze, alles was zählt ist die Haltung aus der ich das mache.

    Ist es die Haltung der Angst? Riemann beschreibt 4 Grundformen der Angst. Da finden wir auch das von dir beschriebene Spannungsfeld wieder. Der Drang nach Selbsthingabe und das Verlangen nach Liebe und Anerkennung auf der einen Seite. Auf der anderen Seite der Drang nach Selbstverwirklichung und das Verlangen nach Autarkie und unsere Einzigartigkeit auszuleben. In diesem Spannungsfeld wurzeln unsre Ängste vor Einsamkeit, Isolation, vor dem Verlassen werden ebenso wie die Ängste vor Selbstaufgabe und Abhängigkeit.

    Das zweite Spannungsfeld der Angst kommt aus dem Drang nach Stabilität und Ordnung und unserem Verlangen nach Sicherheit , Gewohntem und Vertrautem bzw. unserem Drang nach Veränderung und Freiheit und unserem Verlangen Neues zu entdecken, zu erforschen und zu lernen. .

    Wie können wir Balance finden? Viele sehnen sich nach Liebe und Anerkennung und glauben dieses im Außen finden zu können. Diese Suche ist auf Mangel begründet und hat als Quelle wieder die Angst und so werden wir immer wieder enttäuscht werden da äußere Dinge uns nie dauernd und vollständig befriedigen werden..

    Buchtipp „Lieben heißt die Angst verlieren“ Der Titel beschreibt den aus meiner Sicht einzigen Weg die Balance in diesen Spannungsfeldern zu finden! Wenn ich mich ungeliebt, deprimiert oder innerlich leer fühle, ist es keine Lösung, jemanden zu finden, der uns Liebe und Anerkennung gibt. Was hilft, ist jemand anderen völlig ohne Erwartungen zu lieben. Diese Liebe wird dann gleichzeitig uns selbst gegeben, und der andere braucht sich nicht zu verändern oder uns etwas geben.

    Ich habe viele Menschen kennen gelernt die in bester Absicht die Welt zu einer besseren machen möchten und nach Jahren der Aufopferung frustriert sind weil sich die Welt und die Menschen kaum verändert haben. Wenn sie dann den Mut aufbringen genau hinzusehen und ihre Haltung, ihr Motiv erforschen werden sie die Angst dahinter erkennen.

    Nur wenn es uns gelingt den vermeintlichen Bösewichten zu vergeben und in ihren Handlungen ihre Angst erkennen werden auch wir unsere Ängste erkennen und uns selbst vergeben können. Vergebung ist der Schlüssel unsere Wahrnehmung zu verändern und uns von Ängsten, verdammenden Urteilen und Groll zu lösen.

    Vergebung ist der Schlüssel zu Liebe, Glück und inneren Frieden!

  9. Martin Kirchner
    Bri 28. September 2018 at 8:27 - Reply

    Die Diskussion ist für mich gerade sehr wertvoll…gerade? nee, ständig. Seit einer meiner Profs ein Seminar angeboten hatte mit dem Thema „Krise der Gesellschaft – Krise des Individuums“, hatte die Weisheit „Alles ist mir – ich bin in allem“ eine greifbare Dimension bekommen. Krisen schaue ich an, vertiefe mein Wissen dazu, denn Weglaufen geht nicht, Kopf-in-den-Sand erst recht nicht. Konfrontation ist schon vom Wort her mit Gewalt verbunden und Solidarität birgt die Dynamik des Helfersyndroms. Gesellschaftliche Krisen habe ich in ihrem Entstehen verstanden und immer neue Nischen gefunden mich in meiner Kreativität nicht ausbremensen zu lassen. Ich habe mein Glück gemacht. Mit „Wohlverstandenem Eigeninteresse“ was für mich zum positiven Synonym für Egoismus geworden ist. Das hat mir Kraft gegeben, gemeinschaftlich aktiv zu sein und dann zu führen, wenn ich mir sicher bin, voraus gehen zu können. Besonders spannend sind die Momente in denen ich Führung wieder abgeben oder weiter geben darf. Für dieses Art zusammen zu arbeiten und zu leben haben ich die PERSÖNLICHKEITSWIRTSCHAFT entworfen. Damit werde ich die Welt nicht retten?? Macht nix smal is beautiful und birgt auch das Potential zur Veränderung.

  10. Martin Kirchner
    Annette 27. September 2018 at 21:21 - Reply

    Hallo Martin,
    danke für diesen beitrag. Mich beschäftigt diese Thema schon sehr lange.
    Ich glaube, es ist eine zutiefst spirituelle Frage, nicht umsonst stammt dein Zitat von einem Theologen und Mystiker.
    Zur Zeit geht es mir so, dass mich das Zitat“Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst“, dazu bringt, dass ich sehr oft Tage habe an denen es mich frustriert, dass ich viele Dinge, die ich theoretisch weiß, nicht so schnell umsetzen kann, wie ich gern will und schnell an meine Energiegrenzen stoße. Ich bin wie besessen von einem schlechten Gewissen ( weil ich so privilegiert bin, einerseits hier in D.leben zu dürfen , andererseits schnell an meine Grenzen komme, wenn ich für andere da sein will) . Schließlich werde ich dann auch für andere ungenießbar, weil ich mich nicht mehr traue, mein Leben zu genießen. Andererseits weiß ich ja, das gute Selbstfürsorge die Voraussetzung dafür ist, für andere da zu sein…
    Ergänzend und nachdenkenswert finde ich das Zitat von Frederick Buechener, ebenfalls ein amerikanischer Theologe, den ich schätzen gelernt habe:

    “The place God calls you to is the place where your deep gladness and the world’s deep hunger meet.”

    Ich vermute, dass es bei Selbstverwirklichung oft um die Verwechslung mit „Egoverwirklichung“ geht. Dieses Ego ist kleiner als unser wahres Selbst, das immer mit dem gro0ßen Ganzen verbunden ist. Und mein Potenzial, das es zu entfalten gilt, wird erst dann wirklich strahlen, wenn ich es in den Dienst dieses großen Ganzen stelle.
    Soweit
    Herzliche Grüße

    • Martin Kirchner
      Micha 1. Oktober 2018 at 11:20 - Reply

      Hallo zusammen,
      danke an euch alle, danke an Martin. Diesen Blogbeitrag sehe ich als sehr wichtig an.
      Den größten Antrieb zu kommentieren verspüre ich zum Post von Annette. „Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Das kann schon stressen, Allein schon das „Sei!“ Es sei denn, ich erkenne, was ich wirklich in der Welt sehen will:
      Ich möchte sehen:
      – nicht gestresste, entspannte, empathische Menschen, die mit sich selbst und Kontakt sind
      – eine Welt, die mich nicht verurteilt, z.B. dafür, dass ich vieles nur theoretisch, oder vielleich gar nicht weiß, dass ich lerne – immer weiter
      – eine Welt, in der es okay ist, dass praktische Umsetzung schwierig und schmerzvoll ist
      – Menschen, die diesem Schmerz nicht ausweichen, sondern daran wachsen, die ihn in Gemeinschaft ausdrücken dürfen, ihn zusammen verstehen und lindern
      – eine Welt die nicht verurteilt, wenn ich nicht schnell genug bin, wenn andere nicht schnell genug sind
      (was beim Klimawandel und möglichen Kipppunkten im globalen Klimasystem – wo ein paar Jahre entscheidend sein können – ein seeehr großes Thema ist! wie soll man denn damit umgehen, zwischen innerem Frieden und Aktionismus??)
      – Menschen die vertrauen können, sich und anderen
      – Menschen die nicht über ihre Energiegrenzen gehen und die andere Menschen nicht darüber drängen
      – Menschen, die sich sich für ihre Privilegien nicht schämen
      – eine Welt, in der Genuss nicht verurteilt wird, in der Gefühle gefühlt werden und nicht verdrängt …
      Ich spüre übrigens auch einen Druck durch diesen Blogbeitrag. Und zwar den, viel mehr lesen zu wollen aber nicht genug Zeit zu haben. Fast alle Kommentator*Innen haben schlaue Zitate und Buchvorschläge eingebaut. Ich kenne vieles gar nicht, dafür wieder anderes. Bin ich belesen genug? Ja! Ich bin genug. Und ihr seid genug.
      Ich frage mich und euch: Vertrauen wir uns selbst, unseren Körpersignalen? Hören wir unsere inneren Stimmen, oder überstimmen wir sie viel zu oft?
      Viele Grüße,
      Micha

  11. Martin Kirchner
    Monika Jablonowski 27. September 2018 at 19:56 - Reply

    was Elisha beschreibt ist die Vollkommenheit. Wenn wir ganz im Herzen sind und ganz aus dem Herzen leben, erübrigen sich all die Betrachtungen.
    Auf dem Weg dahin ist nach
    meiner Erfahrung notwendig alle Schatten zu integrieren, also sich wirklich all die Punkte ansehen, erleben und vielleicht sogar durchleiden, annehmen, versöhnen, verzeihen.
    So kommt man iin einen Raum von Vertrauen, Ruhe, Zuversicht, Gelassenheit und Besonnenheit und die Herzensenergie breitet sich wie von alleine aus. So wird man auch durchlässiger und sensibler für sich selbst und das Umfeld.
    Mögen wir alle den kürzesten Weg in die Herzensenergie beschreiten!
    Liebe Grüße von Monika

  12. Martin Kirchner
    izabella 27. September 2018 at 19:43 - Reply

    zu allererst: danke danke danke!!
    ich kann es nicht mehr hören, lesen, die typen und innen, die sich mit mehrstelligen „herzensbusinesses“ erfolgreich machen und weiterhin das spielchen des systems mitspielen!

    für mich geht es darum, mit der, die ich bin, schon immer, noch bevor ich erzogen wurde (egal ob von eltern oder gesellschaft) herzensverbindung aufzunehmen, wahrhaftig zu spüren, was ihre bedürfnisse, wünsche und ziele sind und mit diesen eins zu werden…. mit mir, die ich schon immer bin, eins zu werden- zu SEIN! denn ich bin und war es immer… so wie alle…. in die stille zu gehen und das zu werden, was wir ohnehin schon sind…. wenn wir diese verbindung stärken, können wir dieses einzigartige wesen, das ohnehin mit allem und jedem verbunden ist, denn es ist EINs mit allem, nach außen bringen- wir können nämlich garnicht anders. denn im kern sind wir alle liebende….. verbundene.

  13. Martin Kirchner
    Anna 27. September 2018 at 19:40 - Reply

    Meine langjährige Erfahrung -nicht mein Gedankengebäude- dazu ist, dass wenn ich etwas tue mit dem ich wirklich verbunden bin, das aus meinem Inneren kommt, es sich auf wunderbare Weise auch in der Welt als gut und sinnvoll erweist , auch wenn es garnicht meine Absicht war, “ Gutes zu tun“.

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