Resilienz gegen Verletzlichkeit?

Über Widerstandsfähigkeit angesichts von Krisen – von Kewin Comploi

Wir sind verwundbar

Ich bin im Norden Italiens aufgewachsen. Die „Corona-Krise“ hat mich daher ganz besonders bewegt. Auch die Grenzschließungen haben mich persönlich tief betroffen: Wann werde ich meine Eltern, meine Geschwister, meine neugeborene Großnichte wieder sehen können? Wird mein kranker Mailänder Onkel überleben?

Die Situation hat mich spüren lassen: So schnell kann es gehen, dass unsere bisherige Normalität kippt! Und obwohl – trotz Virus und diverser Beschränkungen – unsere gesellschaftlichen Systeme relativ stabil blieben stellt sich mir die Frage: wie lange noch?

Bei vielen Menschen haben sich in der Krise Gefühle der Unsicherheit oder Angst breit gemacht. Und manche von uns haben sich wohl beim Spinnen paranoider Gedanken ertappt… Wie wäre es gekommen, wenn die Sterblichkeit dieses Virus höher gewesen wäre? Wie lange hätte es noch Erntehelfer, LKW-Fahrerinnen und Supermarkt-Regalschlichter gegeben?

Wenn meine Gedanken diesen Punkt erreichen, dann mach ich ganz schnell innerlich zu und verbuddel sie gleich im Hinterhof der ungemütlichen Ideen – Rollos runter, ablenken. Doch dieses komische Gefühl bleibt diffus da. Dieses: Ja, ich bin verwundbar.

Wir alle sind verwundbar.

Wie geht es dir mit deiner Verwundbarkeit?
Wie kannst du zulassen, sie wirklich zu spüren?

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„Handlungsfähig trotz Krise“
20. Mai 19 Uhr
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Nach der Krise ist vor der Krise

Von einem können wir ausgehen: nach Corona warten noch weitere Krisen auf uns – Klimaerhitzung, Finanzcrashs, etc. Deshalb seh‘ ich es als Gebot der Stunde, uns mit unserer eigenen „Resilienz“ – unserer „Robustheit gegen Krisen“ – auseinanderzusetzen.

Der Begriff „Resilienz“ liegt nicht zuletzt deshalb gerade im Trend. Ursprünglich stammt er aus der Physik und bezeichnet die Eigenschaft eines Materials, nach einem äußeren Schock oder nach einer Verformung wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzufinden.

Solche „Schocks“ gibt es eben auch auf einer gesellschaftlichen Ebene – und natürlich genauso auf einer ganz persönlichen Ebene.

 

Resilienz: Trotz Krise JA zum Leben sagen…

In unserem Leben gibt es immer wieder Momente, in denen wir in einen Krisenmodus schalten: eine Beziehung, die zu Ende geht; Kündigung; Krankheit Überforderung Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen; der Tod eines nahen Angehörigen oder einer Freundin. So etwas lässt sich schlecht „wegplanen“. Wenn einem Krebs diagnostiziert wird, kann man schlecht sagen: „Ja, sorry, passt grad nicht!“.

Krisen gehören also einfach zum Leben dazu. Das gilt es zu akzeptieren. Was in unserer Hand liegt, ist, einen für uns richtigen Umgang damit zu finden…

„Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen.“, sagt ein netter Spruch für das Scheitern. Manchmal liegen wir aber am Boden und kommen alleine kaum mehr auf die Beine, deshalb sind unterstützende Beziehungen so wichtig in Krisen.

In einem stabilen Beziehungsnetz gehalten und mithaltend

In der Corona-Zeit habe ich eines mit ganz anderen Augen sehen und noch mehr schätzen gelernt: meine Beziehungen. Ich lebe seit 2 Jahren in dem von mir mitgegründeten Wohnprojekt Hasendorf: 24 Erwachsene und 15 Kinder unter einem Dach.

Gerade jetzt in der Krise zeigt sich, dass diese Menschen ein Beziehungsfeld bilden, wo jede und jeder von uns zwar auch die Krisen der einzelnen Personen mitbekommt und damit mithält, aber gleichzeitig auch ein Stück weit gehalten wird. Das betrifft banale Alltagsdinge, z.B., dass in der Zeit der Ausgangsbeschränkung zwei Personen für alle anderen einkaufen gehen, und es bedeutet auch emotionale Unterstützung z.B. bei einem gemeinsamen Spaziergang.

Aber auch außerhalb des Wohnprojekts haben die vielen Gespräche über Telefon und vor allem über Videocalls á la Zoom mir bewusst gemacht, wie wichtig und tragend meine Beziehungen für mein Wohlbefinden und für meine persönliche Krisenfestigkeit sind. Wie ist’s bei dir?

Welche Rolle haben deine Beziehungen dabei gespielt, Krisen zu überstehen?

Wie sehr bin ich in meinem Lebensumfeld verwurzelt?

In diesen besonderen Krisen-Zeiten wird uns bewusst, wie verletzlich wir, unser Alltag, ja unsere Gesellschaft als Ganzes ist.

Und so höre ich von etlichen Politikerinnen und Wirtschaftswissenschaftern heute ganz neue Töne: von Relokalisierung, der Rückverlagerung wichtiger Produktionszweige (Atemmasken, Medikamente  …)– nach Europa, am liebsten noch näher, ins eigene Land, damit die kostbare Fracht nicht wieder an der Grenze „ausfuhrbeschränkt“ wird. Ich höre von regionaler Landwirtschaft und davon unsere Versorgungssysteme resilienter zu machen.

Übertragen auf obige Beispiele bedeutet das für mein Lebensumfeld: wenn ich meine Karotten vom Bauen ums Eck kaufe, dann kann es mir relativ wurscht sein, wenn die internationalen Lieferketten für Karotten zusammenbrechen. Wenn mich meine Photovoltaik-Anlage mit Strom versorgt, dann können die Öl-Scheich*innen (gibt es eine Öl-Scheichin überhaupt?) tun, was sie wollen. Diese Lebensumfeld-Resilienz macht mich hier also unabhängiger, freier, sicherer.

Ich merke, dass mein persönliches Lebensumfeld in Hasendorf recht stabil ist: Vieles von dem, was ich für lebensnotwendig erachte, ist hier lokal vorhanden. Das verschafft mir ein gutes Gefühl und beruhigt mich. Und wie ist es bei dir?

Fühlst du dich mit deinem Lebensumfeld verwurzelt? Wie sicher fühlst du dich in deinem Lebensumfeld verwurzelt? Wie abhängig bist du vom globalen Warenstrom?

„Vieles von dem, was ich für lebensnotwendig erachte, ist hier lokal vorhanden.“

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Letztlich liegt es in unserer Hand…

Wie gut wir in unserem Lebensumfeld und in unserem Beziehungsnetz eingebettet sind stellen also wichtige Aspekte meiner Resilienz im Außen dar. Warum schleudert es manche Menschen, die diese Aspekte ausreichend verwirklicht haben, trotzdem?

Der Grund ist: eine Krise wirft uns immer auf uns selbst zurück. Letztlich liegt es an uns, wie wir mit widrigen Umständen umgehen und handlungsfähig bleiben, wie es um unsere „Mentale Resilienz“ bestellt ist.

Warum kommen die einen aus Krisen gestärkt und innovativ heraus, und warum zerbrechen andere daran? Welches Verhalten, welche Fähigkeiten, Werte oder Glaubenssätze sind es denn, die den Unterschied machen?

Wie stehts um deine „Mentale Resilienz“? Wie kannst du dich selbst in Krisen annehmen und deine Handlungsfähigkeit stärken?

 

Der 1. Schritt:  die Wirklichkeit akzeptieren

Der für mich wesentlichste Schritt dazu ist die Wirklichkeit radikal so anzunehmen, wie sie ist. Alles andere ist Energieverschwendung. Wer es nicht glaubt, versuche ein kleines Experiment: geh zu einem großen, stinkenden LKW, stell dich mit deiner ganzen Energie und Entschlossenheit und Wut hin und rufe: „LKW, verschwinde!“. Und, hat‘s geklappt? 😉

Nur wenn ich die Wirklichkeit so akzeptiere, wie sie nun mal ist, kann ich darin die eigenen Handlungsspielräume erkennen und dann womöglich positive Veränderungen bewirken – oder manchmal auch nicht. Das ist das Leben. Dann kann ich aber wenigstens die Gelegenheiten darin sehen (wie David Staindl-Rast empfiehlt, siehe Blog-Artikel von Martin Dankbarkeit als revolutionäre Praxis).

Auf jeden Fall gilt es, aus einer Opferhaltung auszusteigen und Verantwortung zu übernehmen – unsere „Response-Ability“ zu stärken, unsere Gestaltungsmacht zu entwickeln.

Aus solch einer Haltung fällt es mir leichter über Resilienz nachzudenken und dahingehende Schritte zu setzen. Und zum Beispiel mir die richtigen Fragen zu stellen: Wie kann ich meine Kraftquellen, die mich schon durch vergangene Krisen gebracht haben, wieder anzapfen, z.B. meinen Körper zu bewegen? Sind die Dinge, die ich mir über mich und meine Situation erzähle, gerade dienlich? Wohin kann ich meinen Fokus setzen, damit meine Handlungsfähigkeit steigt?

Was sind deine Antworten auf diese Fragen? Was macht dich krisenkompetent?

Laut der Entwicklungspsychologin Emmy Werner geht es bei „Mentaler Resilienz“ um …

  • die Kunst der teils radikalen Akzeptanz der Realität,
  • eine Haltung, dass das Leben allen Widrigkeiten zum Trotz sinnvoll ist, und
  • eine außerordentliche Fähigkeit, zu improvisieren und innovativ zu denken.

100% Resilienz als Illusion

Wer bis hier gelesen hat könnte meinen: „Gut, dann muss ich hier und hier und hier ein Schräubchen drehen, dann bin ich unverwundbar.“ Doch Achtung: Falle! Das ist eine Illusion, ein Wegdrücken von dem, was uns ausmacht: dass wir eben auch verletzliche Wesen sind.

Resilienz heißt nicht, die Verletzlichkeit zu verleugnen, sondern beginnt mit der Würdigung und Annahme der Verletzlichkeit.

Es geht also nicht so sehr darum, die eigene Angst zu bändigen, indem ich möglichst viel Kontrolle über potentielle Quellen der Unsicherheit und Verletzungen erlange. Sondern – womöglich sogar freudvoll und mit Leichtigkeit – zu erforschen, wie mehr Resilienz auf allen Ebenen mein Leben reicher und verbundener macht.

Wie geht es dir damit? Wie handlungsfähig und resilient fühlst du dich in der Krise?

Was denkst du dazu?

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Kewin Comploi ist Vorstand der Pioneers of Change in Österreich

>> mehr über Kewin

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