„Zusammen Wandel Kultivieren“ – zu diesem Thema hatten wir zum Sommer.Campus in die Zukunftswerkstatt Tempelhof eingeladen. Rund 100 Menschen kamen, um genau das zu erforschen: Wie können wir Wandel kultivieren – in uns selbst, in Organisationen, Gemeinschaft und Gesellschaft?
Doch gleich am ersten Abend wurde eine Spannung spürbar: „Für mich ist das wirklich schwierig, grade jetzt, wo sich die Klimakrise so stark zuspitzt, hier zu sein und mich darauf einzulassen”, sagte Stefanie, eine Teilnehmende, gleich zu Beginn.
„Es gibt so vieles zu tun – jetzt sind wir gebraucht. Dürre, Hitze, Ernteausfälle, Zukunftsangst.“
Und auch in unserem Team haben wir diese Dringlichkeit gespürt und eine Unsicherheit in den Tagen davor: Ist das das richtige Format zu diesem Zeitpunkt? Wenn die Auswirkungen der Klimakrise so drastisch spürbar werden wie in diesem Sommer, sind diese „weichen” Kulturthemen relevant? Gibt es nicht Handfesteres, Wesentlicheres, Dringlicheres zu tun?
Und gleichzeitig dachten wir: Vielleicht ist Innehalten und Nachspüren eine wichtige Voraussetzung für unsere Wirksamkeit in dieser Zeit.
Dem Druck der Dringlichkeit zu folgen, macht uns selten wirksamer. Es macht uns vielleicht schneller. Aber dabei reagieren wir oft bloß, statt wahrzunehmen, was jetzt wirklich dran ist. Wenn der Druck steigt, werden wir schnell. Wir wollen etwas tun, Lösungen finden, vorankommen – und greifen dabei leicht auf das zurück, was wir schon kennen.
So entsteht nicht Veränderung, sondern das Gegenteil davon! Wir begeben uns tiefer in gewohnte Muster – ohne gut verbunden zu sein: mit uns selbst, mit anderen, mit dem, was gerade gebraucht wird.
Um diese Verbundenheit zu kultivieren, brauchen wir Räume mit anderen Menschen – und so ein Raum war der Sommer.Campus.
Was du über den Sommer.Campus wissen solltest – auch wenn du nicht dort warst
Der Sommer.Campus ist das größte offene Community Treffen der Pioneers of Change, das 2026 zum fünften Mal stattfand – zum zweiten Mal in der Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof. Der Sommer.Campus steht für Gemeinschaft, Lernen und Vernetzung und ist ein intensiver Erfahrungs- und Lernraum über fünf Tage – mit viel Platz, um Pioneers of Change kennen zu lernen und mit anderen Teilnehmenden sowie mit dem Seminarort, an dem so viele Alternativen bereits gelebt werden, in Kontakt zu kommen.
Das Forschungsthema: Wie können wir Wandel kultivieren – in uns selbst, in Organisationen, Gemeinschaft und Gesellschaft?
Vier Seminarstränge führten durch die Ebenen
- Emotionen und Selbstwahrnehmung
- Organisationen und Teams
- Communities
- Gesellschaft und Politik
1: Emotionen und Selbstwahrnehmung: „Kraft der Gefühle"
Dieses Seminar von Eva Kainz und Kewin Comploi-Taupe war eine Erfahrungsreise durch die vier Grundgefühle nach Possibility Management: Angst, Wut, Trauer, Freude – kraftvoll und aufwühlend. Hier wurde geschrien, getanzt, geweint; hier war Raum, um Emotionen Ausdruck zu verleihen. Besonders die Wut stand im Zentrum – wo sie doch in unserer Kultur selten Raum bekommt.
Die volle Lebendigkeit war eingeladen in diesem Experimentierraum. Ein dichter, fordernder Gruppenprozess – auch für das Seminarleitungsteam. Die volle Lebendigkeit war eingeladen in diesem Experimentierraum. Und wie groß war die Freude, die frei sprudeln durfte, nachdem tiefere emotionale Schichten freigesetzt worden waren.
„Wieder mal ist bei mir Überraschung über die Wut”, erzählt Seminarleiter Kewin Comploi-Taupe. „Eine neue Geschichte, die wir uns über die Wut erzählen, wird direkt erlebbar.”
„Teilnehmende haben zu mir gesagt: Wow, Wut ist hilfreich, um meine Grenzen zu wahren, um Klarheit zu spüren. Ich habe meine Stimme, meinen Raum!”
2: Organisationen und Teams: „Organisationen als Körper – Social Presencing Theatre"
Dieses Seminar von Paola Bortini und Peter Hofmann nutzte die Methodik des Social Presencing Theater (SPT) um auf aktuelle Konflikte in Teams und Organisationen zu schauen. SPT wurde von Arawana Hayashi, Tänzerin und Meditationslehrerin, entwickelt und ist eng verbunden mit der Theorie U von Otto Scharmer.
Einige Teilnehmende haben dafür konkrekte Situationen, in welchen in ihrem Arbeitskontext etwas festzustecken scheint, mitgebracht. Diese „Stuck“ Situationen wurden durch andere Menschen in der Gruppe „verkörpert“, das heißt im Raum aufgestellt. Wenn es in einem System einen „Stuck“ gibt, lässt er sich oft über den physischen Körper spüren – und durch intuitive Bewegung wieder in Fluss bringen.
„Ich habe durch das SPT gesehen und gespürt, wie meine Organisation sich verstrickt in strukturelle Auseinandersetzungen, statt sich gemeinsam auf den eigentlichen Zweck wieder zu besinnen”, erzählt eine Teilnehmerin.
Ein anderer berichtet: „Ich habe durch das Seminar verstanden, dass Organisationen wie menschliche Körper funktionieren. Sie haben ein Nervensystem, dass immer wieder reguliert werden muss. Dazu braucht es kollektive Präsenz und Methoden, um sich selbst als soziales System immer wieder erleben und beobachten zu können.”
3: Communities, in dem Fall unsere Gruppe vor Ort: „Community Dance im Flow des Sommer.Campus“
Jenseits von Worten, Konzepten und fertigen Antworten lud dieses Seminar von Josef Eder dazu ein, das am Sommer.Campus Erlebte über den Körper weiterzuführen. Im Mittelpunkt stand ein gemeinsamer künstlerischer Prozess, in dem Bewegung zum Ausdruck dessen wurde, was im Feld der Gruppe bereits lebendig war.
Das Ergebnis dieses Seminares war eine Performance der Teilnehmenden am letzten Abend – eine Freude, diese 25 Menschen auf der Bühne zu sehen! Dafür haben sie mit großer Begeisterung einige Extra – Proben auf sich genommen.
„Aus meiner Perspektive war es eine Reise in die Schönheit jedes Einzelnen Teilnehmenden. Bewegung hat eine wunderbare Kraft, um in einem geschützten Raum verborgene Ressourcen und schlafende Talente sichtbar und spürbar werden zu lassen”, sagt Josef über sein Seminar.
Teilnehmer Christoph erzählt: „In den Tagen, die wir als Gruppe zusammen verbrachten, geschah etwas mit mir, das ich als tiefe Friedensbewegung bezeichnen möchte. Tanzen, ausprobieren, über eigene Schatten springen und immer wieder Verbindung suchen. Die Verbindung zu mir selbst und die Verbindung zu den anderen.”
4: Gesellschaft und Politik: „Mitmischen in unserer Demokratie“
In diesem Seminar von Yasmina Steck (Mehr Demokratie e.V.) und Stephanie Steyrer ging es darum, wie politische Haltung in Aktionen für Demokratie und gesellschaftliches Handeln übersetzt werden kann und darum, unsere Rolle in der Demokratie bewusst zu erkennen und zu stärken.
„Wir wollen Menschen ermächtigen, aufzustehen und sich mit dem einzubringen, was ihnen wichtig ist – aus einer Haltung der Verbundenheit heraus”, luden Stephanie und Yasmina zu ihrem Seminar ein.
Die Selbstermächtigung und die bewussten Handlungsspielräume der Teilnehmenden wurden in den folgenden Tagen auf erstaunliche und vielfältige Weise sichtbar. Politisches Handeln heißt nicht nur, gegen etwas zu sein, sondern etwas zu gestalten, zum Beispiel ein Dialogformat zu moderieren, eine Petition zu starten oder ein Nachbarschaftsfest zu organisieren.
„Mein Highlight war der Impuls eines Teilnehmenden zu Krieg & Frieden und dass ich den Eindruck hatte, irgendwann haben wir die Gruppe so empowered, dass sie selbstorganisiert begonnen hat, gemeinsam zu gestalten”, sagt Yasmina über das Seminar.
Die Teilnehmenden berichten:
- „Ich fühl mich jetzt mutig genug, mich auch zuhause mit meiner Verletzlichkeit zu zeigen.”
- „Gemeinsam können wir in kurzer Zeit vieles auf die Beine stellen.”
- „Wir sind politisch – auf vielfältigste Art und Weise – weil wir in Beziehung sind.”
Was war dieses Mal besonders am Sommer.Campus?
Erstmals öffneten wir im Pioneers of Change Kontext einen gemeinsamen Forschungsraum zu Geschlechterrollen und den Prägungen, die wir durch unser Frau-, Mann- oder nicht binär Sein in uns tragen. Die Teams von Women Re.Member und Men.Return gestalteten gemeinsam mit Mario* Sinnhofer diesen Tag. Es ging um patriarchale Wunden, um Mann- / Frau- / nicht binär Sein in der heutigen Zeit und um das Bemerken von Vielfalt.
Zum ersten Mal gab es neben Women Re.Member und Men.Return eine offene Gendergruppe. Angemeldet hatte sich vor dem Sommer.Campus niemand. Nach der achtsamen Einleitung waren es zehn Menschen, die gemeinsam in der offenen Gruppe ihre Geschichten teilten und Fragen zu Identität und Zugehörigkeit bewegten.
„Wenn wir uns stärker zeigen, wie wir sind, spüren wir oft zum ersten Mal die ungeschriebenen Normen, die uns sonst tragen”, sagt Mario* über sein Erleben in der Gruppe.
Im Frauenraum gingen über 50 Frauen in die Tiefe und konfrontierten sich mit ihren patriarchalen Wunden. Diese Wunden tragen nicht nur individuelle Geschichte in sich. Sie erzählen ein kollektives Thema: die Ausbeutung und Unterwerfung der Erde und die Ausbeutung und Unterwerfung von Frauen folgen der gleichen Logik. Sie zeigt die Trennung von allem, was Leben hervorbringt und Leben überhaupt erst ermöglicht.
Doch umgekehrt gilt auch: wenn sich Frauen mit ihrer eigenen schöpferischen Kraft verbinden und die Verbindung mit der Erde kultivieren, dann schaffen sie die Grundlage für lebensdienliches Handeln.
Deshalb blieben wir auch nicht bei den Wunden stehen, sondern forschten weiter nach der schöpferischen Kraft in jeder Frau. Und wir wurden fündig: in Bildern, Metaphern und im körperlichen Ausdruck. Diese Kraft in die liebevolle Begegnung mit anderen zu bringen – das war dann die Herausforderung für den Rest des Sommer.Campus …
Warum also hat es sich gelohnt zusammenzukommen?
Wegen der Teilnehmenden, die bestärkt und inspiriert wurden: „Vom Kopf in den Körper, vom Ego in die Gemeinschaft, vom Schneckenhaus ins Offene, von der Erschöpfung in die Kraft”, schrieb uns eine Teilnehmerin.
Wegen des visionären Ortes, von dem wir Wesentliches lernen konnten.
Wegen der Erfahrung von Stefanie, mit der viele von uns gut in Kontakt waren, das Thema Hitze und Klimakrise zu halten, obwohl es nicht das Hauptthema des Sommer.Campus war. Und siehe da – es wurde an vielen Stellen wieder sichtbar. In Gesprächen und im Kontakt mit dem Tempelhof. In der Demokratiegruppe, die eine Aktion gestartet hat, um auf die Wasserknappheit aufmerksam zu machen. Und schließlich in einer gemeinsamen Putzaktion der Zisterne, die am Tempelhof tatsächlich ausgetrocknet war. Eine Gruppe von zehn Teilnehmenden half engagiert mit, diese zu reinigen.
Wegen der gelebten Kultur des Miteinanders, die uns berührt und weiterbewegt hat, die wir als tragende Basis für unser Wirken nach Hause mitgenommen haben. Dazu möchten wir am Schluss noch ein Bild mit dir teilen:
Eine hilfreiche Metapher – Der große Wandel als Rad
Zur Ausrichtung des Sommer.Campus hat uns folgendes Bild geleitet, das greifbar macht, auf welchen Ebenen Wandel gelingen kann. Die Tiefenökologin Joanna Macy beschreibt den großen Wandel als Bewegung von einer zerstörerischen zu einer lebensfördernden Kultur – wie ein Rad.
In der Mitte, der Nabe, sitzt der Bewusstseinswandel: die Bewegung von Trennung zu Verbundenheit, die Erfahrung, Teil eines lebendigen Ganzen zu sein. Sie gibt Orientierung und nährt alle anderen Ebenen.
Die Speichen stabilisieren das Rad und nehmen den Druck auf. Sie leisten Widerstand, halten Zerstörung auf, schaffen Raum.
Der Radkranz kommt mit der Welt in Kontakt und erzeugt die Vorwärtsbewegung: das, was wir tatsächlich tun, in Projekten, Organisationen, Gemeinschaften, im Alltag. Der Aufbau neuer, lebensfördernder Systeme.
Bewusstsein. Widerstand. Aufbau. Keine Ebene trägt für sich allein.
Der Sommer.Campus war ein Raum, in dem wir das ganze Rad im Blick behalten haben.
In dem Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Formen des Engagements zusammenkamen.
Und in dem wir ganz innen im Rad beginnen, um uns dafür zu stärken, draußen am Rad wirksam zu sein.
Ich freue mich, wenn du dir aus diesem Bericht vom Sommer.Campus 2026 etwas mitnehmen konntest. Vielleicht sehen wir uns in der 6. Ausgabe im Sommer 2027 – oder bis dahin online bei Pioneers.Members?
Alles Liebe, Elisabeth
Pioneers.Members
…ist unsere Kulturwandel-Community, die regelmäßig am digitalen Lagerfeuer zusammenkommt, einander inspiriert, stärkt und Zuversicht schenkt. So entsteht Verbundenheit, die trägt.
Wie hast du den Sommer.Campus erlebt?
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- https://pioneersofchange.org/sommer-campus-2026
1 Gedanke zu „Warum es sich lohnt, trotzdem zusammenzukommen “
Von der Ahnung über die Zuversicht in die Gewissheit kommen : Wir sind VIELE !! Wir bewirken etwas, jeder Mensch in seiner Möglichkeit, zu seiner Zeit, mit seine Energie ..Trotzdem !