Von Geseko von Lüpke, Politikwissenschaftler, Zukunftsforscher, zivilgesellschaftlicher Netzwerker, freier Journalist, Autor zahlreicher Sachbücher, Teammitglied Men.Return & Speak-up!
Wenn Sexismus Alltag ist – und Schweigen zur Norm wird
Fast jede/r kennt es – und viele schweigen dazu: Die subtilen sexistischen Witze und Andeutungen, das Übersehen weiblicher Kompetenz, das alles besserwissende ‚Mensplaining‘, die Dominanz der selbsterklärten Macker in Teams, in Zooms, in Besprechungen und Konferenzen.
Spuren der Herr-schaft auf der Basis eines patriarchalen Betriebssystems, das Männer wie Frauen nervt.
Obwohl es überall vorkommt, weiß kaum jemand damit umzugehen. Deshalb hatte ‚Men.Return‘ zusammen mit der Wiesbadener Bildungseinrichtung ‚Spiegelbild‘ rund 20 Männer dazu eingeladen, gemeinsam im Pilotprojekt ‚Speak Up! Männer zeigen Mut zur Fairness in Meetings‘ Strategien des kreativen Widerstands zu entwickeln und einzuüben.
Ein Forschungsweg durch äußere Strukturen und innere Ängste
Es sollte über sechs Module und ebenso viele Praxisgruppen ein spannender dreimonatiger Forschungsweg in die verborgenen Machtmuster von Unternehmen und Institutionen werden, wo Männer wie Frauen sowohl Opfer als auch Täter dominanter und entwürdigender Verhaltensmuster werden.
Und zugleich eine herausfordernde Innenreise in die Gefühle und Ängste, die wachwerden, wenn man patriarchal agierenden Chefs (und Cheffinnen) mutig die ‚Gelbe Karte‘ zeigen und einen würdevollen Stil einfordern will.
Denn es kann ein Risiko sein, problematisches Verhalten offen anzusprechen und für eine kooperative Teamkultur zu gehen.
Hohn, Isolation, Konflikte, Eskalation und Kündigung könnten drohen, wenn es schief geht. Und sich andererseits wie ein Verlust des Selbstrespekts anfühlen, wenn man aus Sorge vor Konsequenzen kneift und lieber ‚die Klappe hält‘!
Leitlinien für faires Handeln im Arbeitsalltag
Die ‚Speak Up!‘-Forschungsgruppe entwickelte aus dem ‚Art of Hosting‘, dem ‚Bystander-Ansatz‘, der ‚gewaltfreien Kommunikation‘ und einer Kultur der Achtsamkeit Leit- und Richtlinien, wie sich Männer in ihren Arbeitskontexten zu Fairness-Botschaftern machen können.
Dazu gehörte es zunächst, die Sensibilität zu entwickeln, die oft versteckten ‚Mikro-Aggressionen‘ wahrzunehmen.
Zudem schien es unverzichtbar, die eigenen patriarchalen Muster kennenzulernen und kritisch zu reflektieren, um dann mit Mitgefühl und Verständnis eingreifen zu können.
Erkenntnisse von Teilnehmern
„Ich fand es spannend, wie sich nach und nach kleine Türen zu mir selbst öffneten“, erzählt Teilnehmer Paul: „Und habe erkannt, dass ich leicht sexistisches Verhalten an den Tag lege. Das war zunächst erschreckend, aber gleichzeitig gut, weil ich es jetzt ändern kann.“
‚Retterimpulse‘ galt es zu überwinden und in gesunder Selbstfürsorge so geschickt zu agieren, dass Konfliktsituationen nicht eskalieren, sondern sich in einem solidarischen ‚Win-Win‘ zu gegenseitigem Nutzen kooperativ auflösen.
„Zuhören ist besser als Kampf“, beschreibt Teilnehmer Franjo seine zentrale Einsicht und richtet sich aus: „Sich auf Augenhöhe zu begegnen, schafft gegenseitige Wertschätzung“.
Die rund zwanzig ‚Speak Up‘-Männer analysierten gemeinsam Alltags-Erfahrungen mit dominanten Vorgesetzten, sexistischen Kollegen, Dauerrednern, oder auch aggressiven Gruppen in der Öffentlichkeit und entwickelten gemeinsam Strategien des Widerstands.
„Es ist wichtig, die Stimme zu erheben und dabei de-eskalierend zu wirken“ fasst Jürgen, von Beruf Manager, seine Erfahrungen zusammen: „‚Speak Up‘ fühlt sich aufregend an!“
In Rollenspielen wurden Lösungen praktisch erprobt und kritisch reflektiert. Eine professionelle Schauspielerin erinnerte an Körperpräsenz, tiefe Atmung und stabilen stimmlichen Ausdruck, wenn man(n) das STOP!-Schild zeigt.
„Durch Speak-Up hat sich mein eigenes Rollenbild verändert. Früher war mein Ideal-Rollenbild eines Mannes Clint Eastwood aus den alten Westernfilmen: ein Alleingänger, der mit jeder Situation fertig wird“ sagt Paul, von Beruf Rettungssanitäter: „Ich habe gemerkt, das ist total unsinnig, weil es so viele Menschen gibt, die helfen wollen, und jeder fühlt sich besser, wenn er in einem gemeinsamen Projekt arbeitet.“
Rückkehr zum Wesentlichen
Im Rückblick war es für alle Teilnehmer und das ‚Speak Up!‘-Team durch die gewachsene Sensibilität, den offenen Austausch, die tiefe Innenschau, die erfahrende Solidarität und einen Werkzeugkasten des Widerstands ein voller Erfolg.
Und ein Zeichen dafür, dass Gegenmittel für toxische Männlichkeit parat sind und patriarchale Muster nicht ausgehalten werden müssen, sondern aktiv veränderbar sind.
„Möge ich den Mut finden, Situationen adäquat anzusprechen“ formulierte es ‚Speak Up!‘-Initiator Peter Hofmann am Ende stellvertretend, „die gegen meine Werte – Würde, Gleichberechtigung, Respekt für alle – stehen“.
Was bedeutet für DICH „Speak-up“?
Hat dich etwas an dem Bericht zu Speak-up besonders angesprochen?
Teile deine Erfahrungen und Gedanken gern in den Kommentaren.
Welcher Mann will ich sein?
Mann-Sein in einer Welt der Krisen
Men.Return – komm.pakt lädt Männer ein, ihr Mann-Sein im Austausch zu erkunden und in vier Online-Treffen die Vision und Haltung von Men.Return kennenzulernen.