Eine Zusammenschau von Hemma Büchele und Martin Kirchner
Die Welt wankt. Vieles, das uns Halt gab, trägt nicht mehr. Wir erleben Unsicherheit, Überforderung, Ratlosigkeit. Und mittendrin die Frage, die zum Titel des 10. Pioneers of Change Online Summits wurde: Wofür sind wir jetzt da?
Zwölf Tage lang haben wir im März mit 33 Menschen in starken Interviews darüber gesprochen – mit Philosoph:innen, Aktivist:innen, Pionier:innen, Praktiker:innen. Dazu noch intensive Live-Dialoge über Demokratie, Zusammenarbeit, Bildung, die Umsetzung im eigenen Alltag. Und ein tiefgehender Prozess mit Kosha Joubert, in dem wir die Schönheit des Lebendigen und sein Verschwinden bezeugt haben.
Jetzt, ein paar Wochen später, versuchen wir eine Zusammenschau – ein Versuch, die Fäden zu erkennen, die sich in den Gesprächen verwoben haben – und die Erkenntnisse, die sich in uns eingeprägt haben.
Der Summit-Bewegung von Hinschauen, Hinspüren, Hinwenden folgend haben wir unser Resümee gezogen.
Das erwartet dich in diesem Blogbeitrag
Hinschauen
Hinspüren
1) Hinschauen
Was geschieht gerade in der Welt, unter der Oberfläche?
Die globalen Entwicklungen verunsichern die meisten von uns. Was geschieht da wirklich – unter der Oberfläche? Welche größeren Zusammenhänge prägen diese Zeit? Die stärksten Stimmen dieses Summits führen uns dazu an einen Ort jenseits der üblichen Krisen-Rhetorik: Wir stehen nicht vor einem Problem, das sich lösen ließe – und dann ist alles wieder wie früher. Wir befinden uns in einem existenziellen Übergangsprozess, dessen Ende wir noch nicht erahnen können.
Tomas Björkman beschreibt diesen historischen Moment als Bifurkationspunkt – einen Scheideweg, an dem Zivilisationen entweder zusammenbrechen oder auf eine neue Ebene der Komplexität durchbrechen. Das letzte Mal, dass die westliche Welt an einer solchen Weggabelung stand, war die Aufklärung. Die war alles andere als friedlich. Ob der aktuelle Übergang friedlicher verläuft, hängt davon ab, ob wir die inneren Fähigkeiten entwickeln, die er uns abverlangt. An Lösungen mangelt es nicht, sagt Björkman. Was fehlt, ist die Weisheit, sie umzusetzen.
Otto Scharmer beschreibt drei parallele Erosionsprozesse. Die ökologischen Fundamente bröckeln, die sozialen auch. Und zugleich erodiert unsere Fähigkeit, mit uns selbst und unseren größten Potenzialen in Verbindung zu sein. Der letzte Prozess wird am seltensten benannt, ist aber die Grundlage für alles andere.
Jakob Detering beschreibt unsere Lage mit einem Bild, das bei ihm im Impact Hub Wien viel Verwendung findet: dem Two-Loop-Modell von Margaret Wheatley. Das bestehende System hat seinen Höhepunkt überschritten und befindet sich im Abstieg – aber das Neue entsteht bereits, parallel, oft noch unsichtbar. In der Phase, in der sich beide Kurven überschneiden, ist noch nicht entschieden, was sich durchsetzt. Genau dort stehen wir jetzt. Pionier:innen des Neuen gibt es überall – in den langweiligsten Verwaltungsapparaten, in den vermeintlich destruktivsten Unternehmen, an Ecken und Enden, an denen man sie nicht erwarten würde. Detering spricht auch davon, dass das alte System Hospizpflege braucht – es muss geordnet sterben, während das Neue wachsen darf.
Francis Weller gibt dieser Zeit einen Namen: die lange Dunkelheit. Er meint damit keinen vorübergehenden Einbruch, nach dem alles wieder wird wie zuvor. Er beschreibt einen generationenübergreifenden Abstieg. Jahrtausende lang haben wir einander die Geschichte des Aufstiegs erzählt. Jetzt, sagt Weller, führt uns die Seele der Welt nach unten – in die Stille, ins Nicht-Wissen, in die Imagination, ins Zuhören. Das ist ein großer kollektiver Initiations- und Reifungsprozess mit ungewissem Ausgang. Wie bei jedem Abstieg gilt: Man durchschreitet ihn besser gemeinsam als allein.
Die Machtstruktur dahinter
Sandrine Dixson-Declève macht sichtbar, was die aktuelle Weltordnung prägt: Drei P’s bestimmen unsere Wirtschaft und Politik – Power, Profit, Patriarchat. Der Club of Rome hat bereits 1972 mit den “Grenzen des Wachstums” beschrieben, wohin das führen würde. Was damals Prognose war, ist heute Gegenwart: Die Nahrungsmittelproduktion geht zurück, die Ressourcen werden knapper, die Ungleichheit wächst. Sandrine setzt dagegen vier andere P’s: People, Planet, Prosperity – und ganz aktuell besonders wichtig: Peace (Menschen, Planet, Wohlstand und Frieden).
Stefan Wallner hat eine überraschende Deutung der aktuellen Entwicklungen eingebracht: Krise durch eigenen Erfolg. Was in der Zivilgesellschaft gerade als Rückschlag erlebt wird, ist keine Niederlage. Die Klimabewegung, die Frauenbewegung, die NGOs der 1990er waren hochwirksam. Genau deshalb haben sie in den letzten Jahren organisierte Gegenkräfte auf den Plan gerufen, deren Macht wir gerade spüren. Katharina Rogenhofer, die erlebt hat, wie die Klimabewegung von den Straßen in die Institutionen und wieder zurück musste, zieht daraus eine strategische Schlussfolgerung: Gegendruck ist Bestätigung. Wer ihn als Niederlage liest, gibt das Feld frei. Heide Göttner-Abendroth sagt dasselbe aus der Perspektive der Matriarchatsforschung: Die Risse in der patriarchalen Mauer werden größer. Das System versucht sie mit Gewalt zuzukleistern, weil es spürt, dass sein Ende nicht aufzuhalten ist. Ihre Ermutigung: “Lassen wir uns nicht einschüchtern von diesen Drohgebärden. Wenn es Widerstand gibt, heißt das: was wir tun, hat Wirkung.”
Unter der Oberfläche wächst etwas
Nora Bateson beschreibt, wie Bewegung in scheinbar erstarrte Systeme kommen kann. Eine Wurzel, die auf einen Felsen trifft, resigniert nicht. Sie spielt, tastet, sucht Umwege, bewegt sich wie Wasser. Wurzeln haben kein fixes Ziel – sie haben eine Richtung. Das ist nicht dasselbe. Wer Wurzeln will, muss aufhören zu steuern. Stattdessen können wir von der Beweglichkeit der Wurzeln lernen, wie wir in erstarrten Systemen Bewegung initiieren können. Denn Beweglichkeit wohnt allen lebendigen Systemen inne.
Auch Otto Scharmer verwendet eine starke Natur-Metapher. In Utah steht die Zitterpappel Pando – der größte und vermutlich älteste Organismus der Welt. An der Oberfläche sieht man Zehntausende einzelne Stämme, die getrennt wirken. Unter der Erde sind sie alle über ein einziges Wurzelgeflecht verbunden. Dies deutet Otto als Metapher für unseren sozialen Organismus: Die Verbindung ist längst da. Wir müssen sie nur wahrnehmen.
Peter Wohlleben bestätigt das Muster aus der biologischen Forschung. Bäume kommunizieren, kooperieren, opfern sich für das System. Kooperation ist die evolutionäre Überlebensstrategie, nicht Konkurrenz. Was wir in der Forstwirtschaft falsch machen, machen wir auch in der Gesellschaft falsch – wir fördern Konkurrenz und wundern uns, wenn die Systeme kippen. Dabei wäre der soziale Boden bereitet: Über 80 Prozent der Menschen weltweit erwarten von ihren Regierungen mehr Klimaschutz – die Mehrheit ist längst da!
Christine Ax bringt die juristische Dimension dazu. Die Rechte der Natur sind keine Utopie mehr. In Ecuador stehen sie in der Verfassung. In Spanien ist die Salzwasser-Lagune Mar Menor als Rechtsperson anerkannt. In Neuseeland hat der Wanganui-Fluss dieselben Rechte wie ein Unternehmen. Das ist mehr als Symbolik: Wenn ein Fluss vor Gericht vertreten werden kann, lässt sich sein Schutz einklagen, bevor er zerstört ist. Bisher brauchte es dafür jemanden, der persönlich betroffen war. Jetzt kann die Natur selbst zum juristischen Gegenüber von Konzernen werden, die sie bisher als Ressource behandelten.
Heide Göttner-Abendroth erinnert daran, dass es auch unter Menschen jenseits patriarchaler Dominanz andere Gesellschaftsformen gegeben hat und noch gibt – Matriarchate. In ihnen herrschen nicht die Frauen über die Männer – das wäre ein bloß umgekehrtes Patriarchat. Es sind Gesellschaftsformen, die sich egalitär und konsensbasiert, auf das Leben ausgerichtet organisieren. Diese Gesellschaftsformen sind keine reine Theorie, sondern gelebte Realität. Wir können darauf aufbauen.
Bettina Behrend bringt diese Haltung in drei Sätzen zusammen: Schau hin – auf das, was ist. Aber glaub nicht, dass es so bleiben muss. Glaub an die Veränderung. Sie ist mit der Berliner Mauer aufgewachsen – eine Realität, die ihr als selbstverständlich erschien, bis sie plötzlich fiel. Genauso, sagt sie, ist auch die Gegenwart mit all ihren Schandflecken eine Realität, die geändert werden kann.
2) Hinspüren
Wie bleiben wir menschlich, berührbar und klar?
Die äußeren Krisen wirken tief nach innen. Wie bleiben wir offen, mitfühlend und handlungsfähig, ohne zu verhärten oder auszubrennen? Was passiert mit uns, wenn wir wirklich hinschauen – und wie gehen wir damit um?
Die Weisheitslücke und die Aufmerksamkeitsdisziplin
Tomas Björkman nennt das zentrale Problem die Weisheitslücke. Wir haben mehr Wissen, mehr Technologie, mehr Vernetzung als je zuvor. Und die Krisen werden größer, nicht kleiner. Was fehlt, sind die inneren Fähigkeiten, mit der Komplexität umzugehen. Björkman hat deshalb die Inner Development Goals mitinitiiert – einen Katalog von Fähigkeiten wie Systemdenken, Empathie, Selbstreflexion und der Umgang mit Unsicherheit, die die Voraussetzung dafür sind, dass die äußeren Nachhaltigkeitsziele überhaupt erreicht werden können.
Otto Scharmer benennt die äußere Ursache der inneren Überwältigung: Flooding the Zone. Diese täglichen neuen Schocks haben Strategie: wir sollen entweder blind reagieren oder uns zurückziehen. Darauf dürfen wir nicht hereinfallen, sondern brauchen vor allem eines: Aufmerksamkeitsdisziplin – nicht jeden Schock ungefiltert aufnehmen, aber auch nicht wegschauen. Stattdessen bewusst wählen, worauf man den Blick richtet. Nicht auf das, was lähmt, sondern auf das, was gerade im Zusammenbrechen des Alten neu entsteht. Und dann dort handeln, wo wir Handlungsmacht haben – das ist meist im unmittelbaren Umfeld.
A’ida al Shibli spricht als palästinensische Aktivistin aus gelebter Erfahrung. Ihre Antwort auf die Überwältigung ist präzise: Wer überwältigt ist, ist von der eigenen inneren Führung abgeschnitten. Der Weg zurück führt für sie durch die Verbindung mit Natur. Durch das Stillwerden. Und aus dem heraus geht es um die Frage: Was ist meines zu tun? Ihre Erkenntnis: Nicht alles ist meines – deshalb sind wir viele. A’ida warnt auch davor, wohin unbearbeitete Überwältigung führt: in die Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit ist gefährlicher als Schmerz.
Die Privatisierung des Schmerzes
Francis Weller ordnet unseren inneren Zustand in einen größeren Zusammenhang ein. Seit Jahrtausenden sind weiße Kulturen von ihren Wurzeln abgeschnitten – Rituale, Ahnen, Gemeinschaften wurden durch Kolonialisierung, Kapitalismus und Konsum ersetzt. Das Ergebnis ist ein Gefühl großer innerer Leere und eine chronische Sehnsucht nach Fülle, die wir vergeblich in Macht, Besitz oder Ablenkung zu stillen versuchen. Diese Leere ist kein persönliches Versagen. Sie ist ein systemisches Erbe – und auf individueller Ebene allein nicht zu beheben.
Wellers zentrale Erkenntnis: Wir brauchen Trauerrituale als Gemeinschaftspraxis, nicht nur als therapeutisches Angebot für Einzelne. Wir müssen zunächst den Verlust unserer Wurzeln betrauern, bevor etwas Neues entstehen kann. In indigenen Kulturen blieb niemand mit seinem Schmerz allein. Wer einen Verlust erlitten hat, sagt er, wurde vom ganzen Dorf gehalten. Der Schmerz wird nicht kleiner, wenn man ihn teilt – aber er wird tragbar. “Trauer ist nicht dazu da, uns gefangen zu nehmen. Sie will uns reifen lassen und tiefer machen, damit unsere Fähigkeit zu Mitgefühl, Resonanz und Empörung wächst.”
Sabine Lichtenfels und Susanne Fischer-Rizzi beschreiben diese Kraft aus der Naturverbindung heraus. Fischer-Rizzi erzählt von einem Löwenzahn, der in einer Fußgängerzone durch den Beton gewachsen war. Sie blieb stehen und staunte. Wenn der das schafft, schaffen wir es auch – war ihre Erkenntnis. Staunen, sagt sie, produziert so viele Glückshormone wie frisches Verliebtsein. Lichtenfels findet dieselbe Kraft im Weinen – wer den Schmerz wirklich zulässt, spürt, dass etwas trägt, das größer ist als die Verzweiflung.
Integration statt Bewältigung
Johannes Heimrath hat in diesem Summit-Gespräch einen Gedanken formuliert, der weit über das Persönliche hinausreicht. Er spricht über den Tod seiner Partnerin Lara vor drei Jahren und sagt: “Das ist das völlig falsche Wort – bewältigt. Das kann man nicht bewältigen. Aber Integrieren ist das einzige Wort, das mir dazu einfällt. Nach innen nehmen, mit hineinnehmen.” Diese Haltung trägt auch kollektiv. Wir müssen den Schmerz über den Verlust der Welt, die wir kannten, nicht überwinden. Wir können ihn in unser Leben aufnehmen. Und dadurch entsteht etwas Neues.
Heimrath formuliert auch ein Paradox, das aus dieser Haltung folgt: “Ich bemühe mich, mit allem einverstanden zu sein, was gegeben ist, aber ich muss es noch lange nicht billigen.” Einverstanden heißt nicht gutheißen. Aus dieser Haltung heraus wird Widerstand möglich, ohne dass wir verbittern.
Stille und alle Tränen der Menschheit
Wer sich der Welt zuwenden will, statt sich von ihr abzuwenden, braucht eine starke innere Verwurzelung. Anna Gamma praktiziert das seit 45 Jahren täglich. Stille ist für sie eine Form politischer Praxis. Nach Jahrzehnten der Meditation beschreibt sie einen Zustand, der keine Zielorientierung mehr braucht: Du willst nichts mehr erreichen und bist einfach da – und dann zeigt sich die Fülle des Lebens.
Bruder David Steindl-Rast hat eine Geschichte dazu erzählt, die hängen bleibt. Ein Einsiedler lebte in einer Höhle. Als man ihn fragte, was er im hintersten Winkel seiner Höhle finde, antwortete er: alle Tränen der Menschheit. In der Stille, so verstanden, sind wir nicht abgetrennt, sondern am tiefsten mit allem verbunden, was gerade geschieht.
Bruder David hat auch eine wichtige Unterscheidung getroffen: “Angst ist unvermeidlich im Leben. Aber wir müssen uns davor hüten, uns zu fürchten. Angst haben ist Enge. Wir geraten in die Enge, in einen Engpass. Und wir müssen jetzt alles tun, was wir können, um durchzukommen. Furcht hingegen sagt einfach: ‘Nein, nein, nein, das will ich nicht’ und streckt sozusagen Borsten aus und bleibt stecken in diesem Engpass. Deshalb: Fürchte dich nicht!”
Liebe als politische Haltung
A’ida al Shibli hat den provokantesten Satz formuliert. Solange irgendjemand von uns jüdische Menschen nicht liebt, hat man kein Recht, Israel zu kritisieren. Ihr Begriff dafür: das liebende Nein. Widerstand ohne Feindschaft und Entmenschlichung. Ken Wilber nennt diese Kraft Eros – das Verbindende als evolutionäre Grundbewegung, die sich durch die gesamte Entwicklung des Universums zieht. Und er betont, dass alle großen Religionen die Feindesliebe lehren – “das ist der schwierige Teil der Liebe”. Anna Gamma übt sie täglich als Mitgefühlspraxis gegenüber politischen Gegnern: “Ich übe in mir zu sagen: Trump, ich weiß, dass in dir eine Perle ist. Und das verändert in mir etwas.”
Friedemann Schulz von Thun übersetzt diese Haltung ins kommunikative Handwerk. Erst verstehen, ohne zu bewerten. Dann entscheiden, ob Verständnis möglich ist. Dann erst Position beziehen. Verstanden ist nicht einverstanden. Brücken bauen und klare Grenzen ziehen – beides gehört zusammen.
Gerald Hüther bringt die neurobiologische Perspektive dazu. Konflikte verbrauchen Energie. Dauerhafter Streit führt zu chronischer Erschöpfung. Wer Menschen als Subjekte behandelt, statt als Objekte, die bewertet, belehrt, beurteilt werden, schafft die Bedingungen, unter denen Entwicklung möglich wird. “Liebe ist das bedingungslose Interesse an der Entfaltung dessen, was man liebt. Das kann ein Gänseblümchen sein, ein Kind, ein Partner – oder ein Ort. Wenn Eltern ein bedingungsloses Interesse an der Entfaltung ihres Kindes haben, ist das etwas ganz anderes, als wenn sie nur wollen, dass es erfolgreich wird.”
Arbeit an der inneren Ausrichtung
Für Gabriel Baunach ist die innere Arbeit zentral für die eigene Wirksamkeit im Außen. “Der innere Weg ist wie das Innere des Baums – der Stamm und die Wurzeln, die den Baum stabil machen.“
Ali Mahlodji nennt Emotionsregulierung die zentrale Fähigkeit unserer Zeit – die eigenen Gefühle, aber auch die der anderen nicht ungefiltert zu übernehmen. Die fremde Angst aus einem Meeting, die Schwere eines Gesprächs. Das sei tägliche Arbeit. Und sie bleibt nicht im Kopf: Erst als er in der Traumatherapie den Körper einbezog, kam er bei sich an. In einer dunklen Phase schrieb er nachts Ich bin… auf ein Blatt und ließ die Hand weiterschreiben. Diesen Text las er jeden Morgen laut vor – und wurde mit der Zeit zu dem Menschen, den er sich in dieser Nacht entworfen hatte.
Katharina Rogenhofer beschreibt Traumaarbeit als Basis für politische Handlungsfähigkeit: Wenn ich in mir selbst ruhe, kann ich den Raum verbreitern – für mich und für andere.
Und Simon Marian Hoffmann bringt einen wichtigen Gedanken für alle Engagierten ein: Wir haben nicht nur ein inneres Kind. Wir haben auch einen inneren Jugendlichen. Den Teil in uns, der Ideale hatte und keine Angst vor großen Fragen kannte. Diesen oft verstummten Teil zurückzuholen, ist jetzt eine wichtige Ressource.
3) Hinwenden
Was ist uns jetzt möglich?
Die Geschichten der Praktikerinnen und Praktiker im Summit lieferten die stärksten Belege für unseren Handlungsspielraum. Für das Gelingen der tiefgehenden Transformationsprozesses braucht es uns alle in unterschiedlichen Qualitäten, so Johannes Heimrath: Wir brauchen die, die auf die Straße gehen – und die, die durch ihr Leben Demonstrant:innen sind, sagt Heimrath.
Uli Feichtinger fasst den Kernauftrag von Pionier:innen in einem Satz zusammen: “Wenn es das schon gäbe, was du in die Welt bringen möchtest, bräuchte es dich nicht.” Pioniere sind nicht diejenigen, die besser sind als andere. Sie sind diejenigen, die beitragen, was noch fehlt. Martin Strele formuliert das als Antrieb: “Je schwieriger es wird, desto mehr juckt es mich – desto mehr will ich etwas unternehmen.” Julia Petschnig fügt hinzu: “Wenn du dein Leben selbst in die Hand nimmst, ist das der Anfang von allem.”
Die Slow Lane
Sascha Haselmayer nennt dieses Muster die Slow Lane. Er war lange selbst auf der Fast Lane – als Mann der schnellen Lösungen. Seine Einsicht: Wer entschlossen handelt, füttert oft das eigene Ego, statt zuzuhören. Wer alles löst, nimmt anderen die Handlungsfähigkeit. Slow Lane heißt nicht gemütlich. Die Menschen, die so arbeiten, strengen sich unablässig an – aber sie brechen die Sache nicht übers Knie. Sie halten Dringlichkeit aus. Sie hören wirklich zu. Sie teilen Handlungsmacht. Und so kann Veränderung gelingen, die wirklich nachhaltig und stimmig ist.
Jakob Detering benennt zwei unbequeme Befunde aus seiner Arbeit mit sozialen Unternehmen. Missionsgetriebenheit kann zur Gefahr werden – junge Gründer:innen bauen sich aus gefühlter Dringlichkeit einen Druck auf, der sie auszehrt. Und: Sobald ein kommerzieller Investor in ein Sozialunternehmen investiert, steigt das Burnout-Risiko um den Faktor vier. Kommt zur inneren Mission der äußere Wachstumsdruck dazu, zerreibt es die Menschen zwischen beiden. Deshalb ist entscheidend, dass wir uns bei allem Engagement auch das eigene Wohlergehen mitdenken.
Was konkret entsteht
Julia Petschnigs Engagement begann damit, dass sie kurz vor Weihnachten 2009 aus einem Supermarktcontainer Unmengen an Lebensmitteln rettete und verteilte. Daraus ist Together geworden – ein Netzwerk von tausenden Menschen in Kärnten, verbunden durch Lebensmittelrettung, Kunst, Wohnprojekte, Nachbarschaftshilfe. “Manchmal ist es besser, etwas falsch zu machen, als immer nur den perfekten Plan zu verfolgen – und nie ins Tun zu kommen.”
Martin Strele schützt mit kreativen Methoden strategisch wichtige Flächen vor Bebauung und scheut dabei nicht die Auseinandersetzung mit großen Unternehmen und der Straßenbau-Lobby. Sein Verein Bodenfreiheit kauft keine Grundstücke, sondern nur die Gehrechte: “Einmal im Jahr dürfen wir kreuz und quer über die Fläche gehen. Das reicht, um sie vor Bebauung zu schützen.” Er nutzt dies für öffentlichkeitswirksame Aktionen, um Bewusstsein für den Erhalt freier Bodenflächen zu schaffen.
Uli Feichtinger hat als Vizebürgermeisterin von Gmunden eine Klimastrategie 2030 partizipativ mit den Bürgerinnen und Bürgern entwickelt – und PV-Anlagen auf Gemeindewohnungen gebaut. Klimaschutz, der soziale Gerechtigkeit schafft. Ihr Erfolgsprinzip für partizipative Prozesse: “Erstens – die Ideen der Bürger:innen wirklich anhören. Zweitens – zeigen, was daraus wird, oder warum nicht.”
Alfred Grand führt mit seiner Grandfarm einen der produktivsten Betriebe der Region – 70 Kulturen auf 0,8 Hektar, ohne Pestizide, ohne schwere Maschinen. “Während wir Gemüse produzieren, wollen wir Klima schützen, uns an den Klimawandel anpassen, die Artenvielfalt erhalten, den Boden regenerieren, das Grundwasser schützen, für saubere Luft sorgen. Das geht.” Mit seinem innovativen Ansätzen gehört Grand zu den Top50 Farmers in Europa.
Charlotte von Wulffen und Johannes Wüllenweber zeigen mit dem CSX-Netzwerk, dass gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften keine Nische bleiben muss: “Statt zu fragen ‘Wie machen wir mehr Profit?’ fragen wir: ‘Was brauchen wir, um gut zu leben – und wie können wir das gemeinsam ermöglichen?'” Wenn eine Gruppe von Menschen gemeinsam Verantwortung für einen Betrieb trägt, hebt sich die Trennung zwischen Produzierenden, Konsumierenden und Investierenden auf. Katharina Rogenhofer fasst das in einem Satz, der zum Motto werden könnte: “Das beste Mittel gegen das Gefühl, als Einzelne nichts bewirken zu können? Nicht einzeln bleiben.”
Wolfgang Oels von Ecosia bringt die digitale Dimension dazu. In den großen Tech-Konzernen stecken Summen, die mehr als ausreichen würden, um die Regenwälder zu schützen, die globalen Ökosysteme zu renaturieren und die Energiewende im globalen Süden zu finanzieren. Dieses Geld entsteht aus unseren Klicks und Suchanfragen. Bei Ecosia fließen 100 Prozent der Gewinne in Klima- und Biodiversitätsschutz. Wer die Suchmaschine wechselt, lenkt damit globale Geldströme um. Das dauert keine zwei Minuten. Die Milliarden sind da. Die Frage ist nur, wohin sie fließen.
Jane Davidson hat in Wales das einzige Gesetz der Welt geschaffen, das öffentliche Institutionen rechtlich verpflichtet, im Interesse zukünftiger Generationen zu handeln. Der Wellbeing of Future Generations Act verlangt von allen öffentlichen Dienstleistern, kooperativ, präventiv und langfristig zu denken. Ein unabhängiger Beauftragter überwacht die Umsetzung. “Wir mussten die Pflicht zur Unterstützung von Nachhaltigkeit in eine Pflicht zur Umsetzung umwandeln. Sonst wäre es leere Rhetorik geblieben.”
Laura Grossmann und Jakob Detering zeigen, was es braucht, damit solche Initiativen getragen werden: Strukturen, die Wissen teilen und Handlungsfähigkeit aufbauen. Humus, die Impulsakademie und der Impact Hub sind Räume, in denen Menschen lernen, wie man Wandel organisiert, ohne dabei auszubrennen. Ein Satz, der im Gespräch fiel und den Geist dieser Arbeit trifft, stammt von Nipun Mehta: Transformation cannot be manufactured, it can only be gardened.
Wo der Wandel wirksam wird
Johannes Heimrath fügt einen Gedanken hinzu, der bei aller Lokalität den Blick weitet: “Die Welt retten wir nicht in Berlin oder in Wien oder in Brüssel, sondern wenn wir sie retten, dann retten wir sie in unserer Nachbarschaft.” Ein anderer Satz, den er im Interview zitiert, bleibt hängen: “Die Zivilisation ist nur drei Tage dick.” Wenn Versorgungsketten reißen und Systeme ausfallen, hält nicht die Politik, sondern die Nachbarschaft. Die Menschen, die sich kennen. Die Netze, die vor der Krise geknüpft wurden. Gemeinschaft ist mehr als eine schöne Idee – sie ist Tragstruktur für eine Welt, die gerade zerfällt. Denn Gemeinschaft bildet das unsichtbare Myzel für unser Leben von Morgen.
Was bleibt
Wir sagen Danke!
Unserem Team, das über Monate mit Hingabe und Ausdauer an diesem Summit gebaut hat – mit all dem Unsichtbaren, was einen Summit dieser Größe möglich macht.
Den 33 Interviewpartner:innen, die sich uns anvertraut haben, oft in bemerkenswerter Offenheit und mit Themen, die persönlich waren und gleichzeitig weit über das Persönliche hinausreichten.
Und den rund 60.000 Menschen im deutschsprachigen Raum, die mit uns hingeschaut, hingespürt und sich hingewendet haben – euch, die ihr diesen Text lest, mit eurer Aufmerksamkeit, eurer Rückmeldung, eurer Wertschätzung. Dieses Feld trägt. Es ist selbst schon eine Wurzel für Morgen.
Was bleibt, wenn die Gespräche verklungen sind?
Am Grund von allem liegt eine tiefe Liebe zum Leben. Aus ihr kann wachsen, was lebenswert ist.
So wachsen Wurzeln für Morgen. Nach innen. Seitwärts. Tief hinab. In die Nachbarschaft. In die Freundschaft. In das, was uns am Leben hält.
in die Wurzeln für Morgen wachsen. Nach innen. Seitwärts. Tief hinab. In die Nachbarschaft. In die Freundschaft. In das, was uns am Leben hält.
– Hemma und Martin
Alle Interviews des 10. Pioneers of Change Online Summits findest du im Kongresspaket – mit Aufzeichnungen von Live-Calls und Bonus: summit.pioneersofchange.org/kongresspaket
Das war der Online Summit
Die Welt ist im Umbruch – oft anders, als wir es erhofft haben. Es ist nicht egal, was wir jetzt tun. Was trägt jetzt – und was lässt Zukunft gedeihen?
Was waren für dich Schlüsselerkenntnisse beim Summit?
Teile diesen Artikel
Dieser Artikel hat dich inspiriert?
Schicke ihn an eine:n Freund:in, die:der das lesen sollte!
- https://pioneersofchange.org/wurzeln-fuer-morgen/
12 Gedanken zu „Wurzeln für Morgen – unsere Essenzen vom Summit“
Die Zusammenfassung ist für mich sehr berührend und hilfreich, um mich immer wieder zu orientieren! Großes DANKE!
Lieber Martin, liebe Hemma,
danke für diesen sehr lesenswerten Text, der die Essenz des Summits wunderbar in Worte fasst.
Es ist immer wieder eine Freude, Eure Beiträge zu lesen, die Erkenntnisbereitschaft, Demut, Mut zum Wachsen und zum Scheitern und freudige Lebendigkeit so schön miteinander verbinden. ✨
Was ich noch ergänzen mag als wichtige Erkenntnis ist die Stärkung der Bewusstheit, dass alle Schöpfung, die stimmig und in Kohärenz mit dem Leben ist, von innen heraus kommt, aus der Geerdetheit, der Verwurzelung, dem Körperwissen, dass alles miteinander verbunden ist.
Mögen wir uns ungeachtet aller scheinbaren Dringlichkeit immer wieder die Zeit nehmen, unsere immanente Weisheit zuerst zu befragen, bevor die Gedanken losstürmen – auf diese Weise wird alles, was wir sind und was wir erschaffen zu einem “Danke!” an das Leben und das Leben wird antworten.
… von Herzen D A N K E an E U C H A L L E 🌈🙏🏻🦋
mona namo
Danke!
Ich bin begleitet
es trägt mich
ich trage dich
Wir tragen uns
mit
inmitten
die Mitten
tiefes
Danke !
wow. danke. weitermachen. ich mach mit.
Liebe Hemma, lieber Martin, so wertvoll, dass ihr diese Zusammenfassung geschrieben habt und damit gleich weiter gemacht habt. Es ist für mich sehr anregend und neue Aspekte tauchen auf – und ein Glücksgefühl, dass es so viele tolle Menschen gibt und ihr sie habt zu Wort kommen lassen und wir 60 000 dabei sind und unser Eigenes vielleicht neu denken und erweitern. Ich habe noch längst nicht alle Beiträge angehört. Das wird sich jetzt ändern. Danke, ihr Lieben!
Danke für diese so toll strukturierte und ermutigende Zusammenschau! Wir sind viele, jede/r wirkt auf ihre/seine Weise und das lässt mich Hoffnung schöpfen, dass Mutter Erde noch nicht verloren ist. 🙏
Ich bin begeistert von eurer Zusammenschau, Martin und Hemma. Sie spinnt die Fäden zwischen den Interviews, (von denen ich mir nicht alle anschauen konnte und wollte). Diese darin entstandene innere Ordnung birgt klare und gute ‘Anleitungen’, von denen wir profitieren können. Wie dankbar ich bin für euren Mut, eure Weisheit und Weitsicht! Weiter so!!!
Liebe Hemma, lieber Martin,
wie wunderbar ist diese Zusammenfassung des summits. Ich will gar keine einzelnen Beiträge kommentieren, ich finde die vielen unterschiedlichen Aspekte insgesamt so stark und hilfreich. Und eure Zusammenfassung hier bringt es nochmal auf den Punkt. Es hilft mir ungemein in dieser schwierigen Zeit.
Ich bin begeistert von eurer Arbeit – ganz großes Lob.
Herzliche Grüße
Mechthild
Pingback: Newsletter 25/26-15: 30.04.2026 – SchulMUN
Liebe Hemma, lieber Martin, hochgeschätztes “Pioneers of Change” -(Summit)Team!
Gerne teile ich mit Euch meine “Schlüsselerkenntnisse” aus dem heurigen Summit, welche ich auch als meine “Wurzeln für morgen” bezeichne 🙂 und nach dem Summit abgeleitet habe:
(Kultur)Wandel beginnt bei/in mir und in meinem unmittelbaren (sozialen,ökologischen)Umfeld, mit meiner Alltagsgestaltung.
Wohlwollende, wertschätzende Umgangsformen sind erlernbar und brauchen ein Gegenüber und eine entsprechende Anleitung / Übungspraxis, ein achtsames, waches Miteinander.
Es gibt zahlreiche Vorbilder*denker**macher**innen – was davon in meinem Leben passen und gelebt werden kann, ist ein spannender Forschungs-und Entwicklungsprozess, für welchen ich mir auch profunde Unterstützung / professionelle Begleitung holen kann – z.B. als “Pioneers.Member” .
Heuer haben mich am meisten die regionalen Projekte und Initiativen, die Ihr so fein “auf die Bühne” geholt habt, begeistert, ermutigt und beglückt !!!!
Danke von Herzen für Euer Engagement!!!!
Dagmar