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Vier Frauen rudern im selben Takt auf einem See

Wanted: Frauen mit Führungskraft

Was Frauen daran hindert, sichtbar zu werden und was hilft, dieses Muster zu durchbrechen.

Angesichts der multiplen Krisen, die wir derzeit erleben, müssen wir all unsere Führungs-Kraft für das Leben einsetzen. Doch viele Frauen trauen es sich nicht zu, voranzugehen und in Gruppen, Teams und Organisationen eine Führungsrolle zu übernehmen. Hemma Rüggen skizziert im folgenden Blog-Artikel drei Hauptgründe dafür und schildert Lösungsansätze. Damit wir künftig aus dem ganzen Potenzial an Wissen und Erfahrung schöpfen und immer mehr Frauen in ihre Führungs-Kraft kommen.

Vor allem: DU hast keine Schuld!

Auch wenn ich mich gleich damit beschäftigen werde, was Frauen tun können, in ihrer Führungskraft sichtbarer zu werden, heißt das nicht, dass Frauen selber »schuld« an der momentanen Situation sind. Dass Frauen so wenig in Führung sind, hat z. B. strukturelle Gründe: die ungerechte Verteilung von Caring-Aufgaben oder die systematisch schlechtere Bezahlung von allen Berufen, die dem Leben dienen – wie auch generell der Gender Pay Gap.

Eine jahrtausendelange Geschichte von Patriarchat hat in uns allen – Frauen, Männer und allen nicht-binären Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Die Trennung in entweder (Mann) – oder (Frau), oben-unten, mächtig-ohnmächtig prägt uns in unserem gesamten Denken.

UND: Du kannst in deine Führungskraft kommen, wenn du dir die tieferliegenden Schichten genauer anschaust. Darum wird es jetzt gehen…

Re.Turn Home. Beziehungsmuster und Vorurteile verändern

Es war ein Schlüsselmoment in meinem Leben, als vor vielen Jahren in einem Selbst­er­fah­rungs­se­mi­nar die Gruppe in Männer und Frauen getrennt wurde und ich mich plötzlich im Kreis der Frauen wiederfand. Eine Mischung aus Panik und Verachtung machte sich in mir breit. Was mache ich hier?? Was sollte ich bloß »nur« mit Frauen anfangen? Plötzlich wurde mir bewusst, wie viele Geschlechtsvorurteile ich gegenüber Frauen und Männern hatte. Unbewusst hatte ich mich über viele Jahre mit den Männern identifiziert, denen mehr Macht, Stärke, Klarheit zugeschrieben wurde. Das schien mir die bessere Option zu sein als die Identifikation mit Frauen, die potenziell hilflose, abhängige Opfer waren – so wie ich meine Mutter erlebt hatte.

Stärke deine Home Base

Was für ein Irrtum! Über die Jahre habe ich erfahren, wie nährend Kreise von Frauen sein können.

Die Verbindung mit anderen starken, wilden, weisen Frauen ist so etwas wie die Home Base, zu der ich immer wieder zurückkehren, wo ich entspannt sein kann. Und das erleben auch viele andere Frauen so.

Deshalb: Re.Turn Home. Kehr zurück nach Hause zu deinen Schwestern. Und von dort geh hinaus und gestalte die Welt.

Doch, was hindert Frauen daran, so füreinander da zu sein? Es gibt sozialhistorische Gründe: z. B. war es Frauen über viele Jahrhunderte im deutschen Sprachraum verboten, sich öffentlich zu versammeln. Es gibt also keine »Tradition« von Frauen in Gemeinschaft. Die einzige Möglichkeit, Frauengemeinschaft zu leben, war das Kloster.

Mudita statt Neid

Und dann gibt es auch noch: Neid und Eifersucht. Frauen, die selbst nicht ihre Freiheit, ihre Stärke und ihr Strahlen voll leben, gönnen es oft auch den anderen Frauen nicht.

Viele Frauen haben sich dem dominatorischen System unterworfen, weil sie von ihren eigenen Müttern und Vätern als brave, schweigende, hübsche Mädchen sozialisiert wurden. Sie haben nie gelernt, ihre Fülle zu leben. Es sind diese »Mangel-Frauen«, die nörgeln und sich an nichts erfreuen können, die Großzügigkeit als bittere Pflicht erleben, denen nichts gut genug ist. Aus Frust über das viele nicht-gelebte Leben gönnen sie auch den anderen Frauen die Fülle des Lebens nicht.

Wenn Frauen also in ihre eigene Führungskraft kommen wollen, dann kultivieren sie das, was im Buddhismus »mudita« genannt wird: die Fähigkeit des Geistes, sich am Glück der anderen zu erfreuen. Denn es erlaubt, selbst das eigene Strahlen zu kultivieren.

Was du tun kannst:

  • Such dir temporäre oder permanente Frauenkreise (z.B. beim Campus der Pioneers of Change oder im Women’s Hub von Eli Perzlmaier), wo du dich authentisch zeigen kannst
  • Pflege deine Frauenfreundschaften
  • Unterstütze und bestärke andere Frauen, in ihre Strahlkraft zu kommen

Re.Member. Die kollektive weibliche Vergangenheit führt mit

Ich selbst bin im Gasthof aufgewachsen. Ich stand also von klein auf in der Öffentlichkeit und wurde für meine vorlaute und freche Art belohnt. Lange Zeit habe ich über dieses »Gasthof-Schicksal« gejammert. Aber den Mund aufzumachen, das habe ich gelernt – und davon profitiere ich noch heute. Dass es vielen Frauen anders geht, hat auch historische Gründe. Das englische Wort »remember« (dt. »erinnern«) beinhaltet das Wort »member« – Teil. Wenn sich Frauen an ihre Führungskraft erinnern wollen, dann müssen sie sich daran erinnern, dass sie Teil einer kollektiven Frauengeschichte sind, die über mehrere Jahrtausende kollektive Abwertung von Frauen und allem »Weiblichen« enthält. An eine Geschichte, die freie, starke und eigenständige Frauen ausgegrenzt, kleingemacht und getötet hat. Die Organisationsberaterin und Coach Anna Gamma erzählte mir z. B. von Frauen in Führungspositionen, denen plötzlich innere Bilder von Scheiterhaufen und Verbrennung kamen, wenn sie daran arbeiteten, sich zu zeigen.
Wenn Frauen sich sichtbar machen und in Führungspositionen begeben, kann – vielleicht auch unbewusst – diese Vergangenheit aufpoppen. Frauen sollten deshalb ihre Ängste, sichtbar zu werden, nicht nur auf ihre individuellen Schultern nehmen. Vielmehr ist es hilfreich, sich den kollektiven Traumata unserer Vorfahrinnen zu stellen. Wie wir mit kollektiven Traumata umgehen können, zeigt der Traumaforscher und Mystiker Thomas Hübl in seiner Arbeit sehr eindrücklich.

»Wenn sich Frauen an ihre Führungskraft erinnern wollen, dann müssen sie sich daran erinnern, dass sie Teil einer kollektiven Frauengeschichte sind, die über mehrere Jahrtausende kollektive Abwertung von Frauen und allem ›Weiblichen‹ enthält.«

Das Leben hat Vorrang

Sich an die innere Führungskraft zu erinnern, bedeutet aber auch, sich an die lange zurückliegende verschüttete Geschichte matriarchaler Gesellschaften zu erinnern. Ja, die gibt es – überall auf der Welt – und zum Teil heute noch.

»Matriarchal« bedeutet dabei nicht einfach die Umkehrung der Machtverhältnisse – Frauen herrschen über Männer, sondern »mütter-zentrierte« Gesellschaften.

Matriarchat bedeutet, dass wir das Leben in den Mittelpunkt stellen – das Nähren und Sorgen für die Gemeinschaft, das Wohl der Mütter und Kinder und das Wohl von »Mutter Erde« (die Forschungen von Heide Göttner-Abendroth sind da sehr zu empfehlen – und das Interview mit Veronika Bennholdt-Thomsen beim Online Summit 2021).

Eine Utopie aus der Vergangenheit

Es klingt wie eine ferne Utopie – die Zivilisation des Alten Europa, die es gegeben hat:
Siedlungen wurden in den fruchtbaren Niederungen ohne Befestigungs­anlagen gebaut. Die Geschlechter waren nicht gleich, aber gleichwertig. Frauen nahmen selbstverständlich hohe gesellschaftliche Positionen ein. Die Güter waren relativ gerecht verteilt, die Überschüsse wurden in gemeinschaftliche Infrastruktur investiert. Die Freude am Schönen, an der Anmut, an der Kunst prägte das verspielte, heitere Leben. Das Sinnliche, Lebendige und das Heilige gehörten zusammen. (siehe dazu Riane Eislers Buch »Kelch und Schwert«)
Wir dürfen uns daran erinnern: es ist möglich, ein partnerschaftliches Modell der Gleichwertigkeit und Kooperation der Geschlechter zu leben. Es geht also nicht um Rache und Vergeltung an »den Männern«, die zum Teil selbst unter dem dominatorischen System gelitten haben (und leiden), sondern um Heilung der alten Wunden und um einen Zusammenschluss aller, die dem Leben Vorrang geben wollen. Was du tun kannst:
  • Beschäftige dich mit matriarchalen Kulturen (Das Magazin oya hat zum Thema Matriarchat zwei sehr lesenswerte Hefte herausgebracht)
  • Finde etwas über die vielen weiblichen Gottheiten heraus. Sie können archetypische Vorbilder für dich sein (siehe z. B. die Bücher von Anna Gamma oder Sabine Groth)
  • Erinnere dich an die Ahninnen, auf deren Schultern du stehst.
  • Schau dir Dokus über Vorkämpferinnen an, wie z. B. »Die Dohnal« über die erste Frauenministerin Österreichs
  • Versorge die Wunden deiner eigenen Geschichte, z. B. durch Traumatherapie oder Schattenarbeit
  • Schließ dich mit anderen zusammen, denen Leben und Lebendigkeit wichtig ist

»Die Frage ist nicht, wer wird mich lassen; die Frage ist, wer wird mich aufhalten.«

Ayn Rand

Re.Spond. Frauen dürfen ihren »Schweigebann« durchbrechen

Ein heikler Moment am Beginn einer neuen Beziehung. Alles unsicher, alles offen und sehr aufregend. Und dann der Moment, wo ich denke: »Das kann ich jetzt aber noch nicht sagen…« Plötzlich laufen die 19 Jahre meiner vorherigen Beziehung im Schnelldurchlauf in mir ab – viele kleine Momente, in denen ich nicht ganz ehrlich gewesen war. Es war auch die Summe jener Momente, die meine langjährige Ehe scheitern ließ.

Sagen, was ich denke. Tun, was ich sage

In diesem Augenblick entscheide ich mich, radikal ehrlich zu sein. Ich sage was ich denke. Und ich tu, was ich sage. Was das mit Führung zu tun hat? Führung heißt: Antworten geben und damit spürbar zu seinUnd verlässlich zu sein in dem, was man sagt und tut.

Das englische Wort für Verantwortung ist Response-Ability. Es bedeutet: die Fähigkeit zu antworten. Wenn wir also Verantwortung übernehmen, dann geben wir Antwort auf die Fragen, die das Leben uns stellt.

Der eigenen Wahrnehmung trauen

In dem genialen Buch »Why Does Patriarchy Persist?« beschreibt Carol Gilligan, was Frauen im Lauf ihrer Sozialisation dazu bringt, nicht mehr Antwort zu geben, sondern zu schweigen. Gilligan zitiert Studien, die zeigen, dass viele Mädchen im Lauf ihrer Pubertät lernen, ihre Wahrnehmung, ihre eigene Wahrheit zurückzuhalten und nicht zu sagen was sie sich denken. Das geht so weit, dass viele Frauen ihrer eigenen Wahrnehmung nicht trauen (»I don’t know.«).

Und wofür? Um dazuzugehören! Der Glaubenssatz vieler Frauen scheint zu sein: wenn ich sage, was ich mir denke, dann ziehen sich die anderen zurück und verlassen mich. Wir opfern also echte Beziehung (in der man die eigene Wahrheit sagen darf), um möglichst viele Beziehungen zu haben.

Den Mund aufmachen

Wenn also Frauen ganz in ihre Führungskraft gehen wollen, dann müssen sie lernen, ihre Wahrnehmung zu schulen und den Mund aufzumachen. Wo immer du bist, wo immer du lebst: Trau dir selbst und mach deinen Mund auf. Und gib deine ganz persönliche Antwort auf die Fragen, die dir das Leben stellt. Das ist Führung.

Was du tun kannst:

  • Überprüf deine Wahrnehmungen, indem du mit anderen darüber sprichst. Oft genug wirst du erleben, dass du mit deiner Wahrnehmung nicht allein bist. Und wenn doch – na und?
  • Wann immer du denkst »Das kann ich jetzt aber nicht sagen«, trau dich. Beginn den Satz z. B. mit: »Ich bin jetzt mutig und sage dir…«
  • Sei radikal ehrlich in deinen Beziehungen. Es ist die Basis von echter Nähe und Verbindung.
  • Übernimm Verantwortung für dein Umfeld. Was dient dem Leben? Wo braucht es dich? Wo kannst und magst du etwas beitragen?
  • Schau dir Videos von inspirierenden Frauen an, z. B. der US-Vize­präsidentin Kamala Harris, der neuseeländischen Präsidentin Jacinda Ardern

Mehr dazu: Women Remember

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