Ich weiß es noch wie gestern: Wir hatten einen Plan, enorm viel Euphorie und eine Vision:
Wir wollten die erste Kommunikations-Genossenschaft Deutschlands sein, eine freundliche Agentur nach dem Musketier-Prinzip, als Freiberufler:innen zusammen vereint mit einem vielfältigen Angebot aus einer Hand: Vom Corporate Design über Film und Text bis hin zu Coaching, Interior Design und Corporate Social Responsibility.
Für unsere Idee wurden wir bei einem Gründungswettbewerb unserer städtischen Wirtschaftsförderung sogar mit dem dritten Platz ausgezeichnet. Und dann: ein Jahr später fiel alles wie ein Scherbenhaufen in sich zusammen – so schmerzhaft.
Heute erkenne ich: Wir hatten zu wenig Bewusstsein dafür, was Gemeinschaft wirklich braucht. Zwei unserer zentralen Fehler (von noch vielen mehr):
- Wir hatten zu wenige Werkzeuge für Konflikte, Schatten, Macht und Trigger.
- Es fehlte uns an einer wirklich gemeinsam getragenen Intention.
Gute Absichten allein reichen nicht.
Inhaltsverzeichnis
- Gute Absichten allein reichen nicht
- Der Gemeinschaftskompass: Werkzeugkoffer für gelingende Gemeinschaftsprojekte
- Die fünf zentralen Komponenten gelingender Gemeinschaft
- Kein Rezept, sondern ein lebendiger Kompass
- Blühende Gemeinschaften: Mehr davon
- Gemeinschaft wächst durch Praxis: zwei Einladungen
- Live-Abend zum Gemeinschaftskompass
Gute Absichten allein reichen nicht
Wie auch unsere Kommunikations-Genossenschaft starten viele Gemeinschaftsprojekte vielversprechend und mit großem Enthusiasmus: Wohnprojekte, Food-Coops, Kulturprojekte, Genossenschaften, Netzwerke. Am Anfang trägt die Vision. Doch nach der ersten euphorischen Phase folgt die entscheidende Phase voller Herausforderungen und Fragen, an der schon so manches Projekt gescheitert ist:
- Wer entscheidet wie?
- Wer übernimmt Verantwortung?
- Was passiert bei Konflikten?
- Sind wir wirklich auf dasselbe ausgerichtet?
- Wie gehen wir mit Macht, Rang, Geld, Arbeit und Verletzungen um?
Träumst auch du davon, Teil von gelingenden Gemeinschaftsprojekten zu sein und bist auf der Suche nach einem roten Faden dafür?
Der Gemeinschaftskompass: Werkzeugkoffer für gelingende Gemeinschaftsprojekte
Für so einige Gemeinschaften hat sich der Gemeinschaftskompass von Eva Stützel, Mitgründerin des Ökodorfs Sieben Linden, Psychologin und Prozessbegleiterin, als hilfreich erwiesen, den sie in jahrelanger intensiver Praxis entwickelt und als gleichnamiges Buch herausgebracht hat.
Wir, Daniel und Stephanie, die Hosts von Pioneers.Members, der Community Plattform von Pioneers of Change, hatten Eva Stützel gerade erst für ein Gespräch zu Gast. Und auch wir empfinden ihn als stimmige Orientierungshilfe für erfolgreiche Gemeinschaften – mit handfesten Anregungen und Werkzeugen.
Der Gemeinschaftskompass hilft, die verschiedenen Ebenen einer Gemeinschaft sichtbar zu machen:
- die einzelnen Menschen,
- das Miteinander,
- die gemeinsame Intention,
- die Struktur,
- die Praxis des Lernens und Erntens
- und ihr Verhältnis zur Mitwelt.
Ebenen
Die verschiedenen Ebenen lassen sich wie folgt beschreiben:
Individuen
Ein blühendes gemeinschaftliches Projekt beruht wesentlich auf bewussten Individuen, die sich ihrer selbst, ihrer Rolle im Ganzen und ihrer Verantwortung für sich selbst und das Miteinander bewusst sind.
Gemeinschaft
Sie entwickelt sich dann weiter, wenn die Individuen innerlich wachsen, ihre Handlungskompetenzen weiterentwickeln und sie gemeinsam eine konstruktive Kommunikations- und Konfliktkultur miteinander etablieren und verstetigen.
Intention
Um ein gemeinschaftliches Projekt erfolgreich zu realisieren, ist eine klar formulierte und vom Team getragene gemeinsame Intention eine wesentliche Grundvoraussetzung.
Struktur
Welche Organisations- und Rechtsformen, welche Entscheidungswege sind für den Erfolg des Projektes dienlich?
Praxis
Diese Komponente beinhaltet, wie die gemeinsame Absicht in die Tat umgesetzt wird; hier geht es ums konkrete Projektmanagement – und auch um die gesunde Balance zwischen Tun und Koordination – wie auch um das relevante Thema Geldflüsse.
Ernte
Dieser Aspekt steht dafür, dass Pausen, Reflexion, Innehalten, Wahrnehmen, Würdigen und Feiern in den gesamten Projektverlauf integriert werden, weil sie wesentlich zu einem positiven Gemeinschaftsklima beitragen und Burn-outs vorbeugen.
Welt
Jedes Projekt ist eingebettet in Umgebung. Welche Verbündete und Netzwerkpartner:innen stärken das Projekt? Welche weiteren Bündnisse sind zuträglich? Wie gestalten sich Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation mit Multiplikator:innen?
Die fünf zentralen Komponenten gelingender Gemeinschaft
In diesem Artikel greifen wir aus dem Gemeinschaftskompass die fünf Komponenten Individuum, Gemeinschaft, Intention, Struktur und Ernte heraus, die in vielen Projekten besonders entscheidend sind – und verbinden sie mit konkreten Werkzeugen, die wir empfehlenswert finden.
Komponenten
1: Individuen – Sich selbst erkennen
Leitfrage: Was bringe ich in die Gemeinschaft mit?
„Gemeinschaftsleben beschenkt die Menschen mit einem lebenslangen Workshop in Persönlichkeitsentwicklung, Selbsterkenntnis und Konfliktbearbeitung“, sagt Eva Stützel. Gemeinschaft beginnt nicht beim „Wir“, sondern auch beim ehrlichen Blick auf sich selbst: Weißt du, wie du tickst, was dich motiviert und wo deine Triggerpunkte liegen? Welche Bedürfnisse du hast, welche Privilegien du genießt, wie du zu motivieren und zu ärgern bist? Und wissen die Menschen aus deiner Gemeinschaft das auch?
Das Risiko:
Du hast es sicher selbst schon erlebt: Ein Mensch, der sich nicht mit seinen Schatten und Triggern auseinandergesetzt hat, kann beispielsweise herausfordernde Sachfragen mit persönlichen Triggern verwechseln und so alte Muster auf die Gruppe projizieren und damit unnötige Konflikte herbeiführen.
Ein Werkzeug, das helfen kann:
„Gebrauchsanweisung für dich selbst“
Die Methode, die Eva Stützel für ein Mehr an Selbsterkenntnis in ihrem Gemeinschaftskompass skizziert, ist die Erstellung eine Gebrauchsanweisung für dich selbst – das dauert etwa 20 Minuten.
Probiere die Gebrauchsanweisung doch mal aus – jetzt gleich für dich, oder gleich mit deiner Gemeinschaft!
2: Gemeinschaft - Mehr als die Summe der einzelnen Teile
Leitfrage: Wie bleiben wir miteinander in Kontakt, gerade wenn es schwierig wird?
Gelingende Gemeinschaften sind Oasen für individuelle wie auch gruppenspezifische Potenzialentfaltung. Und was macht eine Oase zu einer Oase? Richtig, wieder der gute (kollektive) Nährboden, der gehegt und gepflegt werden will.
Dieser entsteht durch gemeinsam entwickelte und gepflegte Rituale jenseits der reinen Aufgabenlogik – wie Check-in-Runden oder regelmäßige Treffen, die nicht der Projektarbeit dienen, sondern in denen du dich mit den Themen zeigen kannst, die dich bewegen. Auch das Etablieren einer gemeinsamen Konfliktkultur – beispielsweise mithilfe der Gewaltfreien Kommunikation – gehört dazu.
Das Risiko:
Wenn nicht ausreichend Raum dafür da ist, einander zu begegnen, funktioniert „man“ nebeneinander her. Es ist nicht klar, warum eine Person vielleicht gereizt, still, abweisend ist – oder vielleicht ständig nach Zuspruch sucht. So können sich Spannungen unter der Oberfläche sammeln – bis irgendwann das Fass überläuft und ein Konflikt eskaliert, der sogar die Existenz des Projekts bedrohen kann.
Ein Werkzeug, das helfen kann:
Council – die Schwarmintelligenz gemeinsam erspüren
Eine Methode, die wir dir in diesem Kontext näher vorstellen möchten, ist das Format des Council, das wir auch in einigen unserer Kurse praktizieren (bspw. bei Be.Come oder auch Hosting für Kulturwandel).
Probiere es doch mal aus!
3: Intention – den gemeinsamen Traum klären
Leitfrage: Wofür sind wir gemeinsam da?
Hand aufs Herz: Wie oft ist es in Gruppen so, dass das gemeinsame Anliegen einfach unausgesprochen vorausgesetzt wird? Viele Gruppen glauben, sie hätten dieselbe Vision, meinen aber Unterschiedliches. Eine geteilte Intention muss ausgesprochen, verdichtet und immer wieder überprüft werden.
Das Risiko:
Zu welchem Ergebnis führt es wohl, wenn eine Gruppe in einem Boot sitzt und jede:r einem anderen Ziel entgegenrudert? Richtig: Das Boot gerät ins Schlingern und dreht sich im Kreis nach Nirgendwo. Die Gruppe rudert in verschiedene Richtungen. Konflikte wirken persönlich, obwohl eigentlich die Ausrichtung unklar ist.
Ein Werkzeug, das helfen kann:
Dragon Dreaming – vom gemeinsamen Traum zum klaren Leitmotiv
Wie kann eine Gruppe nun zu einem gemeinsamen Anliegen finden? Die Antwort darauf liefert der Traumkreis aus dem Dragon Dreaming, einer Projektmanagement-Methode, die John Croft auf Basis der Systemtheorie und überlieferter Weisheiten der australischen Aborigines entwickelt hat.
Du kennst vielleicht das Zitat: “Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.” Und genau dieses gemeinsame Träumen ermöglicht der Traumkreis. Und wenn der Traum nun im Raum ist, dann lässt sich daraus auch ein gemeinsames Anliegen definieren.
Klingt spannend? Es ist gar nicht schwer!
4: Struktur - Entscheidungen und Verantwortung klären
Leitfrage: Wie organisieren wir unser gemeinsames Handeln?
Gemeinschaft braucht nicht nur Wärme, sondern auch klare Formen: Rollen, Entscheidungswege, Zuständigkeiten, Dokumentation, Rechtsform, Vereinbarungen. In Projekten auf Augenhöhe kommt hier häufig die Organisationsform der Soziokratie zum Einsatz.
Das Risiko:
Wenn Unklarheit über Entscheidungswege und Zuständigkeiten herrscht, kann informelle Macht entstehen. Einige tragen zu viel, andere fühlen sich übergangen. Misstrauen gewinnt an Raum und beeinträchtigt das Gruppenklima.
Ein Werkzeug, das helfen kann:
Systemisches Konsensieren – Das Prinzip des geringsten Widerstands
In punkto Entscheidungsfindung möchten wir dir insbesondere das Systemische Konsensieren ans Herz legen, das Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta entwickelt haben. Anders als im Mehrheitsentscheid, wo sich die Alternative mit den meisten Stimmen durchsetzt, wird im Systemischen Konsensieren für die Alternative votiert, die bei den Beteiligten den geringsten Widerstand hervorruft – wobei auch starke Widerstände mit ihren Bedenken angehört und diese Bedenken ggfs. in eine neue Wahl integriert werden. Das ist doch ein ganz anderer Schnack, als sich einfach über andere Haltungen via Mehrheitsentscheid hinwegzusetzen, oder?
Hier erfährst du, wie du das Systemische Konsensieren ganz konkret anwenden kannst, wenn Entscheidungen in deiner Gemeinschaft anstehen.
5: Ernte – Lernen, Feiern, Nachjustieren
Leitfrage: Wie lernen wir aus dem, was geschieht?
Die Mitgestaltenden einer Gemeinschaft brauchen Raum, einander wahrzunehmen: Was läuft gut? Was braucht Korrektur? Was dürfen wir feiern? Was müssen wir loslassen?
Das Risiko:
Wenn keine Phasen des Innehaltens und der Reflexion eingebaut werden, können sich Fehler wiederholen; Erfolge werden nicht genügend gewürdigt.
Ein Werkzeug, das helfen kann:
Soziokratisches Entwicklungsgespräch
Eine Methode aus dieser Komponente, die uns besonders gut gefällt, ist die des soziokratischen Entwicklungsgesprächs: Ein Kreisgespräch, bei dem alle Beteiligten die bisherige Arbeit reflektieren und darauf basierend ein Commitment für die Zukunft ableiten.
Du magst dich inspirieren lassen? Wir haben den Ablauf hier für dich skizziert!
Kein Rezept, sondern ein lebendiger Kompass
Der Gemeinschaftskompass ist also keine reine Checkliste, die man einmal abarbeitet.
Er erinnert uns daran, dass Gemeinschaftsbildung ein lebendiger, kontinuierlicher Prozess voller Selbsterkenntnis, Beziehungspflege, gemeinsamer Ausrichtung, dem Entwickeln und Halten tragfähiger Strukturen und Räumen des Lernens ist.
Liegt dir ein Gemeinschaftsprojekt, in das du involviert besonders am Herzen?
Magst du eine Standortbestimmung dazu vornehmen?
Wenn du an dieses Projekt denkst, wie lauten deine Antworten auf die folgenden Fragen:
- Ist euer gemeinsames Anliegen wirklich geklärt?
- Gibt es Spannungen, die ihr zu selten ansprecht?
- Fehlen euch klare Entscheidungswege?
- Gibt es Menschen in eurer Gruppe, die gerade sichtbar oder unsichtbar zu viel tragen?
- Nehmt ihr euch ausreichend Zeit zu feiern und zu lernen?
Wenn du merkst, dass da an der einen oder anderen Stelle noch „Luft nach oben“ ist, dann probiere doch einige der vorgeschlagenen Werkzeuge aus.
Blühende Gemeinschaften: Mehr davon
Wenn du dieses Thema inhaltlich vertiefen magst, dann empfehlen wir die drei Bücher von Eva Stützel:
Gemeinschaft wächst durch Praxis: zwei Einladungen
Über Gemeinschaft zu lesen ist ein Anfang. Wirklichkeit wird sie dort, wo wir sie üben: im Zuhören, im ehrlichen Sprechen, im gemeinsamen Entscheiden, im Aushalten von Unterschiedlichkeit und im Feiern dessen, was wächst.
Möchtest du da dranbleiben? Dann haben wir zwei Einladungen für dich:
Pioneers.Members
…ist unsere Kulturwandel-Community, die regelmäßig am digitalen Lagerfeuer zusammenkommt, einander inspiriert, stärkt und Zuversicht schenkt. So entsteht Verbundenheit, die trägt.
Sommer.Campus
Unser intensiver Lern- und Erfahrungsraum, innerhalb der Gruppe und auch für dich selbst. Dieses Jahr treffen wir uns vom 11.-16. August 2026 in der Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof (Baden-Württemberg).
Wir freuen uns, dir zu begegnen!
Stephanie & Daniel von Pioneers.Members
P.S. Nachstehend findest du die Aufzeichnung von unserem Live-Abend zum Gemeinschaftskompass mit Eva Stützel:
Live-Abend zum Gemeinschaftskompass
Zum Abspielen wird eine Verbindung zu Youtube hergestellt.
Datenschutz-InfoIn unserer Pioneers.Members-Community veranstalten mehrere spannende Online-Abende pro Monat, mit inspirierenden Vortragenden und spannenden Themen.
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