Bedeutende Begegnungen
Kennst du das? Du kommst aus einem Treffen und hast mehr Energie als vorher. Du fühlst dich verbundener mit dir und den anderen, hast neue Perspektiven gewonnen und vielleicht sogar Lust, etwas gemeinsam anzupacken. Du hattest das Gefühl, dass deine Gedanken und Erfahrungen Platz hatten, dass du gehört wurdest – und dass auch die anderen mit dem, was sie mitbringen, wirklich da sein durften.
Und dann gibt es die anderen Treffen: Du schaust auf die Uhr, wartest darauf, dass es endlich vorbei ist. Vielleicht hattest du etwas zu sagen, aber irgendwie war kein Raum dafür. Unterschiedliche Perspektiven wurden schnell abgebügelt oder es ging vor allem darum, die Agenda möglichst effizient abzuarbeiten.
Oft ist es gar nicht zuallererst das Thema, wegen dem wir zusammenkommen. Ob im Freundeskreis, im Verein, beim Stammtisch, im Team oder im Wohnprojekt: Wir kommen als Menschen zusammen – mit unseren Erfahrungen, Fragen, Hoffnungen, Spannungen und Widerständen. Und auch mit dem Bedürfnis, dazuzugehören und mit dem, was uns beschäftigt, gesehen und gehört zu werden. Doch was macht den Unterschied? Wir sagen: Die Art und Weise, wie wir unser Zusammenkommen gestalten, macht einen Unterschied.
In unserer Arbeit als Prozessbegleiterinnen erleben wir diese Unterschiede immer wieder. Wir hören Sätze wie: „Meetings sind Zeitverschwendung.“ Oder: „Eigentlich gehe ich nicht gerne zu unseren Vereinssitzungen, weil das ja eh nichts bringt.“ Gleichzeitig erleben wir Gruppen, die nach einem Treffen mit mehr Energie auseinandergehen als vorher – obwohl sie sich mit schwierigen Fragen beschäftigt oder kontroverse Themen verhandelt haben.
Bei der Begleitung von Gruppen und in der Zusammenarbeit im Team arbeiten wir viel mit der Haltung und den Methoden von Art of Hosting, der Kunst des Gastgebens.
Dieser Ansatz widmet sich der Praxis, wie bedeutungsvolle Begegnungen entstehen und welche Rahmenbedingungen sie begünstigen. Denn Menschen kommen nicht automatisch miteinander in Verbindung, nur weil sie im selben Raum sitzen.
Es braucht einen Rahmen, der Verbindung ermöglicht, unterschiedliche Perspektiven willkommen heißt und Menschen ermutigt, sich einzubringen – mit ihren Kompetenzen, Gefühlen, Spannungen und Widerständen.
In der Hosting-Praxis geht es uns darum, dass Menschen und nicht die Agenda im Vordergrund stehen. Denn manchmal entsteht genau aus dem Innehalten und Nachfragen, wie es gerade allen Beteiligten geht, etwas, das wir vorher nicht planen konnten: ein neuer Gedanke, mehr Verständnis füreinander, ein ehrlicher Konflikt oder Lust darauf, gemeinsam etwas zu bewegen.
Über die vergangenen Jahre haben wir in unserer Hosting-Praxis verschiedene Erkenntnisse gewonnen, die uns das Leben als Gastgeberinnen sehr erleichtern – besonders, wenn wir in Prozessen herausgefordert sind. Drei davon möchten wir hier teilen.
1. Alle, die da sind, geben Gast.
„Ich bin für alles verantwortlich.“
„Ich kann mich jetzt komplett zurücklehnen.”
Wir sind häufig daran gewöhnt, dass ein oder zwei Menschen einladen und damit auch die Verantwortung für das Treffen übernehmen. Die anderen sind die Gäste – und nehmen entsprechend eher eine konsumierende oder passive Haltung ein.
Darum sprechen wir lieber von „Teilgebenden” statt Teilnehmenden: Das dreht die Erwartungshaltung um. Es macht deutlich: Alle, die da sind, können ihre Perspektive einbringen und Verantwortung dafür übernehmen, dass der gemeinsame Raum gelingt.
Das kann ganz praktisch aussehen:
- Bitte deine Gäste aktiv um Unterstützung.
Zum Beispiel: Frage in die Runde, wer im Vorhinein beim Aufbau mithelfen kann. - Überlege dir, wie sich die Gäste einbringen können, und sag ihnen dazu Bescheid.
Zum Beispiel: „Wenn ihr merkt, dass ihr zusätzlich zu den geplanten Pausen noch weitere kurze Pausen braucht, gebt bitte direkt Bescheid.“ - Verteile Verantwortung über kleine Aufgaben oder Rollen.
Zum Beispiel für Zeit, Dokumentation, Pausen oder Verpflegung.
So wird aus einer Gruppe von Menschen, die an einem Treffen teilnehmen, eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam Gastgeber:innen dieser Begegnung sind. Damit verschiebt sich auch die Rollenverteilung: weg von Leitenden und Teilnehmenden – hin zum gemeinsamen Beitragen. Das schafft mehr geteilte Verantwortung für das Miteinander und das gemeinsame Ziel – und damit auch eine gute Grundlage, um Knirschen früh wahrzunehmen und gemeinsam aufzufangen.
2. Mehr Verbindung durch Präsenz und aktives Zuhören.
„Kann ich auch mal was sagen?“
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Vielleicht kennst du beides: Du sprichst und fragst dich, ob die andere Person dir eigentlich wirklich zuhört. Oder du hörst die ganze Zeit zu und fragst dich, ob deine eigene Perspektive die anderen überhaupt interessiert.
Dabei hat ein gutes Gespräch nach unserer Erfahrung weniger mit den Gesprächsanteilen als mit der Qualität der Verbindung zu tun. Fühlen wir uns gehört und können wir uns auf die Perspektive des Gegenübers einlassen, wird ein Gespräch lebendig.
Als Teilgebende können wir dazu beitragen – und zwar schon bevor ein Treffen beginnt. Wir können uns konkret fragen: Wie möchte ich heute in diesem Raum sein? Was möchte ich beitragen? Und wie kann ich dazu beitragen, dass auch andere zu Wort kommen?
Deshalb ist es unterstützend, wenn du als Host einige Prinzipien einführst, bevor ihr beginnt. Das könnte zum Beispiel sein:
- Höre mit offenem Herzen zu. Nicht schon darüber nachdenken, was du als Nächstes sagen möchtest, sondern wirklich hören, was dein Gegenüber bewegt.
- Sei präsent und aufmerksam. Lege das Handy weg, nimm wahr, was im Raum passiert, und schenke deinem Gegenüber deine Aufmerksamkeit.
- Sprich für dich Wesentliches aus. Nicht alles, was dir durch den Kopf geht, muss gesagt werden. Aber das, was dir wichtig ist, darf Raum bekommen.
Das klingt einfach. Doch wirklich präsent zu sein, zuzuhören und das Wesentliche auszusprechen, braucht Übung – und immer wieder die bewusste Entscheidung, auch dann in Verbindung zu bleiben, wenn es knirscht.
Doch was passiert, wenn uns eine Aussage wirklich ärgert oder empört – oder wir ganz anderer Meinung sind? Gerade dann ist es besonders verlockend, innerlich schon unsere eigene Antwort, unser nächstes Argument zu formulieren. Stattdessen können wir noch einmal einen Schritt zurückgehen und uns fragen: Was bewegt mein Gegenüber wirklich? Was steckt hinter der Meinung? Welche Bedürfnisse, Gefühle oder Erfahrungen sind damit verbunden? Wir müssen der Meinung nicht zustimmen, doch wir können neugierig auf den Menschen hinter der Meinung bleiben – und somit im Kontakt, statt in die Trennung zu gehen.
3. Reibung als Chance für Vertrauen und Lebendigkeit.
„Sprich aber bitte nicht über …“
Hier finden wir eines der größten Paradoxa im Hosten von Gruppen.
Einerseits ist das Gefühl von Gleichklang zwischen Menschen magisch und wohltuend. Andererseits bringen Ko-Kreation und Vielfalt gerade durch unterschiedliche Perspektiven Lebendigkeit und neue Ideen.
Gute Begegnungen bedeuten für uns deshalb nicht, dass alle einer Meinung sind oder es möglichst harmonisch bleibt. Im Gegenteil: Es braucht Räume, in denen Unterschiedlichkeit sichtbar werden darf und auch Spannungen und Reibung ihren Platz haben.
Viele Menschen verbinden Harmonie damit, dass Konflikte oder Widerstände möglichst vermieden oder für den vermeintlichen Frieden unter den Teppich gekehrt werden.
Im Hosting von Gruppen gehen wir jedoch davon aus, dass eine Phase des Knirschens wichtig sein kann. Sie ermöglicht, dass etwas Unausgesprochenes, etwas Neues aus der Reibung entstehen kann.
Sam Kaner, international bekannter Kooperations-Experte, nennt das die „groan zone”, also Knirschzone. In seinem Diamantenmodell (siehe Grafik) verortet er diese Phase zwischen dem Sammeln und Hören verschiedener Perspektiven und dem Moment, in dem wir Lösungen generieren. Ein wichtiger und entscheidender Schritt.
Doch damit Reibung möglich wird, braucht es Vertrauen. Menschen müssen sich sicher genug fühlen, ihre Perspektive auszusprechen, Widerspruch zu äußern oder auch einmal anzuecken.
Und dann kann etwas Spannendes passieren: Wir machen die Erfahrung, dass Unterschiedlichkeit und Reibung nicht automatisch etwas „Schlimmes“ bedeuten. Dass wir uns zeigen können, ohne dass die Verbindung gleich verloren geht.
Diese Erfahrung kann Vertrauen stärken. Es entsteht vielleicht etwas mehr Chaos – dafür aber auch mehr Lernen, Lebendigkeit und Gemeinschaft.
Gerade wenn es knirscht, kann es herausfordernd sein, einen Raum allein zu halten. Deshalb ist unser Tipp: Hoste nicht allein – never host alone.
- Hoste gemeinsam mit einer anderen Person.
- Ladet gemeinsam ein.
- Beratet euch zur Vorgehensweise.
- Sprecht darüber, was ihr wahrnehmt und was ihr braucht.
- Bindet die Teilgebenden ein.
Auch wenn du eine Gruppe allein begleitest, musst du nicht wirklich allein sein. Baue dir ein Netzwerk von Menschen auf, mit denen du herausfordernde Situationen vorher durchsprechen kannst – und nimm sie gedanklich mit in den Raum.
Wir machen das in unserer eigenen Arbeit regelmäßig. Manchmal reicht schon ein Gespräch im Vorfeld, um eine Situation mit anderen Augen zu sehen, sich sicherer zu fühlen oder einfach zu wissen: Da ist jemand, mit dem ich mich danach austauschen kann.
Für uns bedeutet „Never host alone“ deshalb mehr, als gemeinsam mit einer zweiten Person im Raum zu stehen. Es bedeutet, Verantwortung zu teilen und sich Unterstützung zu holen.
Hosten ist eine gemeinsame Praxis
Für uns bedeutet Hosten nicht, eine Gruppe „im Griff“ zu haben. Es bedeutet, Begegnung zu ermöglichen, in denen alle ihren Teil beitragen, wir einander wirklich zuhören, Verbindung entsteht und auch Unterschiedlichkeit Platz hat.
Das müssen wir nicht allein können. Wir können es miteinander lernen, üben und immer wieder neu ausprobieren.
Hosten ist eine Haltung. Und gleichzeitig eine Praxis, die man lernen kann.
Deshalb haben wir bei Pioneers of Change den Onlinekurs „Hosting für Kulturwandel” entwickelt: für Menschen, die Begegnung als Hebel sehen, um im Wandel wirksam zu sein. Er bietet eine sehr praxisorientierte Einführung in die Prinzipien von Art of Hosting und unterstützt die Teilgebenden dabei, das Gelernte in ihre jeweiligen Kontexte zu übertragen.
Die Qualität unserer Begegnungen macht einen Unterschied – für das, wie wir zusammen leben, arbeiten, Politik gestalten und gesellschaftlich etwas beitragen.
Alles Liebe,
Pia
Info-Call Hosting Onlinekurs
An diesem Abend bekommst du einen Einblick in die Weiterbildung, lernst das Kursleitungsteam kennen und kannst deine Fragen stellen.
29. September 2026 / 19:00 Uhr
Hosting für Kulturwandel
Du möchtest Meetings und Gruppenprozesse so gestalten, dass echte Begegnung, Beteiligung und gemeinsames Wirken entstehen?
Start: 9. Oktober 2026
Welche wertvolle Erfahrung hast du schon mit Hosting gemacht?
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- https://pioneersofchange.org/wenn-es-in-der-gruppe-knirscht
4 Gedanken zu „Wenn es in der Gruppe knirscht“
wir von #zusammenHaltNö haben die Christa Scarletti und die Hündin Dick und wir machen immer eine Einstiegs Runde und eine Abschlußrunde wo wir gefragt werde wie es uns geht, und uns geht es danach immer besser, egal ob wir 5 oder 20 Leute waren. Egal ob dir Themen herausfordernd waren oder nicht.
Hey
Schön wäre ein Angebot von euch das dazu passt: eine offene Gruppe, die die Knirschzone anbietet und ermöglicht: durch Auswahl der Themen z.B. Mir fällt da ein, warum es keine öffentliche Präsenz der Pioneers gibt, einen Demoaufruf gegen AfD oder Einmischung in deren Veranstaltungen wie zb Marcant es macht. Ich finde die Hosting Ausbildung sollte viel parteilicher werden: für Demokratie und Menschenrechte einzustehen und dahingehend zu motivieren
Liebe Grüße
Sepp
Hallo Sepp, kennst du das Format Sprechen & Zuhören? Vielleicht kommt das ja deiner Vorstellung von öffentlicher Knirschzone nahe. https://sprechen-und-zuhören.at/
Ooh, wow – Danke Euch sehr herzlich für jene 3 Einblicke, liebe Pia und liebe Anna!!!
Folgende Erfahrung habe ich mit “Art of Hosting” gemacht:
Als ich begann, meine innere Haltung dementsprechend zu entwickeln, bemerkte ich, wie sich meine Angst & Aufregung vor Konfrontation und Konflikt bzw.”Knirschzonen” nach und nach herunterrregelte und ich jetzt eher mehr das uns Verbindende erkennen kann, was mich weniger streßt und ich bleibe zugewandter, interessierter (statt zu “flüchten”).
Das zieht zahlreiche, positive Konsequenzen nach sich – z.B. daß jede*r dann auch noch für sich gerne über das Meeting nachdenkt,-fühlt…und zu interessanten Ergebnissen kommt, die geteilt werden wollen (statt sich zu verschließen, verteidigen,…)
Aus diesem Beitrag nehme ich mir begeistert “Teilgebende”als Erinnerungsimpuls mit – diese Perspektive,finde ich, fördert eine feine Gleichrangigkeit, die zum Mitgestalten motiviert !!!
Nochmals ganz herzlichen Dank für Euer Teilen Eurer Expertise mit uns und viel Erfolg & Freude mit dem neuen KursKreis,
Dagmar